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17. November 2017 | 19:02 Uhr

Mit der Vergangenheit abschließen

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svz.de von
erstellt am 03.Nov.2013 | 07:56 Uhr

Stadtmitte | Mit viel Gefühl summen Simon und Anna die Titelmelodie von "Schindlers Liste". Die beiden sind Mitglieder der jüdischen Gemeinde Rostock und obwohl sie noch Kinder sind, wissen sie genau, in welchem Kontext die Komposition entstanden ist. Die Interpretation erinnert an den Holocaust, an jene Zeit, in der Millionen Juden hingerichtet worden sind. Am kommenden Wochenende jähren sich die Novemberpogrome zum 75. Mal. Die jüdische Gemeinde will an die Zeit erinnern, aber auch nach vorne blicken. "Wir müssen lernen, aus dieser deutschen tragischen Geschichte herauszuwachsen und mit dieser dunklen Vergangenheit abzuschließen", sagt Gemeindevorstand Juri Rosov. "Das bedeutet nicht, dass wir vergessen sollen."

Dass die jüdische Gemeinde ein reges Kulturleben führt, haben ihre Mitglieder gestern bewiesen. Beim Tag der offenen Tür wurde getanzt, gesungen und gelacht. "Auch Nicht-Mitglieder können jederzeit zu uns kommen und an unseren Veranstaltungsabenden teilnehmen", betont Juri Rosov. "Die Gemeinde ist ein Begegnungspunkt. Als Migrantengemeinschaft wollen wir uns nicht abgrenzen, sondern über Kultur Verbindungen schaffen."

Die jüdische Gemeinde, so wie sie heute besteht, hat sich 1994 formiert. "1943 sind viele Juden ins Ausland oder in die Großstädte geflüchtet. Andere wurden deportiert. In der Nachkriegszeit gab es faktisch keine aktive Gemeinde in Mecklenburg-Vorpommern", so Gemeindemitglied Ilona Jerjomin. Auf Initiative von 27 Zuwanderern sei das Judentum in Rostock wiederbelebt worden. Die ersten Gottesdienste wurden noch im Max-Samuel-Haus gehalten, 1996 zog die Gemeinde in ein eigenes Gebäude am Wilhelm-Külz-Platz. Heute ist sie in der Augustenstraße angesiedelt und hat mittlerweile 630 Mitglieder. Die meisten von ihnen hätten russische Wurzeln. "Bis 2005 ist unsere Gemeinde gewachsen. Dann hat sich das Zuwanderungsgesetz geändert", sagt Ilona Jerjomin. "40 Prozent der Mitglieder sind über 60 Jahre alt, nur 15 Prozent sind Kinder oder Jugendliche", ergänzt die 47-Jährige. Vor allem jüngere Mitglieder würden nach der Schule oder dem Studium in andere Bundesländer ziehen. Damit steht die Gemeinde vor einem großen Nachwuchsproblem. "Das Gemeindeleben hat für uns eine große Bedeutung. Der Weg zur jüdischen Kultur begann für viele Mitglieder hier in Rostock. Die meisten hatten in ihrer Heimat nie die Gelegenheit, ihre Religion auszuleben", verrät Juri Rosov. "Aufgrund der demografischen Entwicklung haben wir leider momentan mehr mit Friedhof zu tun als mit Zukunft. Und dennoch denke ich, dass die jüdische Gemeinde in Rostock eine Chance hat." Um auch die jungen Mitglieder stärker zu binden, wurden in der Vergangenheit zunehmend Vereinsangebote für Kinder geschaffen. Gesangs- und Schachgruppen, aber auch Malzirkel und Sportaktivitäten sind nur einige Freizeitmöglichkeiten. "Zu den Gemeindediensten gehören auch soziale Aufgaben, die zuwanderungsbedingter Natur sind. Dazu zählen zum Beispiel Deutsch- und PC-Kurse oder die Sonntagsschule für die Kinder", erzählt Ilona Jerjomin, die als Koordinatorin für zusätzliche Integrationsangebote zuständig ist.

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