Rostock : Mit dem Henker durch die Stadt

Im Kostüm des Henkers führt Tobias Hamann die Besucher durch die Stadt. Fotos: Georg scharnweber
1 von 2
Im Kostüm des Henkers führt Tobias Hamann die Besucher durch die Stadt. Fotos: Georg scharnweber

Schauspieler Tobias Hamann bringt Besuchern auf unterhaltsame Weise das Leben des Scharfrichters näher

von
18. Februar 2014, 05:00 Uhr

Seit etwa drei Monaten ist wieder ein Henker in der Hansestadt unterwegs. Sein Gesicht ist durch eine schwarze Maske verdeckt, sodass nur die Augen und der Mund zu sehen sind. So steht er am Rathaus, gegen Abend, wenn die Dämmerung hereinbricht. Seine Peitsche ist griffbereit am Gürtel. Er greift nach der Maske, zieht sie ab und erklärt: „Keine Sorge, es gibt seit vielen Jahren keine Henker mehr in Deutschland, erst recht keine mittelalterlichen.“ Dann beginnt eine Führung der besonderen Art.

Hinter der Henkersmaske verbirgt sich Tobias Hamann. Der 45-Jährige hat bereits als Stadtführer und Nachtwächter gearbeitet. So ist ihm die Rostocker Geschichte bestens vertraut. „Ich habe nach einer Figur gesucht, über die es viel zu erzählen gibt und die eine Verbindung zur Hansestadt hat. So bin ich schließlich beim Henker gelandet“, erzählt Tobias Hamann. Die Ausarbeitung der Führung war für ihn eine Herausforderung. Dazu hat er in Archiven und Bibliotheken recherchiert und stieß auf viele Geschichten, die er während seines Rundgangs dem Publikum präsentiert.

Der Henker, auch Fronmeister oder Racker genannt, hatte früher kein einfaches Leben. Beispielsweise fand er nur schwer Taufpaten oder Trauzeugen. „Es gab mal einen Fronmeister, der blieb elf Wochen unbeerdigt, weil keiner den Sarg tragen wollte“, erzählt Tobias Hamann. Doch nicht nur die Folter oder das Vollstrecken von Urteilen zählten zu seinen Aufgaben, zum Beispiel hat er auch als Abdecker gearbeitet und beseitigte so die Viehkadaver der Stadt.

Seine Tour führt die Besucher unter anderem zum Wohnheim einer Rostocker Studentenverbindung und zum Kuhtor. Dabei plaudert der Fronmeister aus dem Nähkästchen und so erfahren die Anwesenden manche Geschichte: Es gab einmal einen Mann, der seine Frau vergiftete. Als der Tag seiner Hinrichtung gekommen war, bekam er seine gewünschte Henkersmahlzeit, eine halbe Flasche Wein. Der Weg aus der Stadt bis zum Rabenstein war lang und mit mehreren tausend Leuten gesäumt. Diese reichten dem Verurteilten auf der Strecke immer wieder Becher mit Alkohol, sodass er anfing zu singen und der Menschenmenge Handküsse zuwarf. So verlor die Hinrichtung ihre abschreckende Wirkung. Es war die letzte Hinrichtung, die öffentlich bekannt gegeben wurde. Der ausgebildete Schauspieler Tobias Hamann schafft es, die zum Teil gruselige Thematik mit Spontanität, Witz und Charme auch für Kinder ab zwölf Jahren anschaulich und lebendig zu gestalten. „Jede Führung ist anders, mal klappt ein Witz, mal nicht. Das kommt auf die Gruppe an“, berichtet Tobias Hamann. Es bereitet ihm Spaß, in das Kostüm zu schlüpfen und für die Zuschauer eine Show zu veranstalten. Denn das ist es, was sie wollen: Unterhaltung mit Informationen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen