600 Jahre Universität Rostock : Mit Begeisterung in den Weltkrieg

Der Germanist Wolfgang Golther, Gemälde von Egon Tschirch, 1933
Der Germanist Wolfgang Golther, Gemälde von Egon Tschirch, 1933

Rektor meldet sich zum Wehrersatzdienst. Kieler Matrosen meutern gegen Auslaufbefehl. Streik auf der Neptun-Werft. Der Sturz der Monarchie.

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24. Februar 2019, 08:30 Uhr

Liebe Leserinnen, liebe Leser!
Wie schon zu „800 Jahre Rostock“ berichten die NNN auch in der neuen Serie „600 Jahre Universität Rostock“ wieder in Geschichten und Bildern aus der Historie. Unser Autor Horst Prignitz stöberte in den Archiven. Viel Spaß beim Lesen der heutigen Folge 8 zum Ersten Weltkrieg.

Als im Sommer 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, schienen auch die Rostocker in einen chauvinistischen Taumel zu geraten. Am 1. August übernahm der dortige Garnisonsälteste die vollziehende Gewalt. Er verkündete am 2. August die Mobilmachung. Neben dem bereits bestehenden Füsilierregiment Nr. 90 entstand ein Reserveregiment mit gleichem Namen.

Die einberufenen Reservisten erhielten Quartier in Gaststätten und Wohnhäusern. Die Postboten brachten Gestellungsbefehle ins Haus. Vielfach meldeten sich junge Leute, darunter auch zahlreiche Studenten, freiwillig zum Fronteinsatz. Selbst der Historiker Hermann Reincke-Bloch. Der seit 1904 in Rostock lehrte, meldete sich als Rektor der Universität zum Wehrersatzdienst. Weder Wissenschaftler noch Studenten sprachen sich gegen den Krieg aus, was aber nicht nur für die Rostocker Universität galt.

Durchaus beachtlich waren die wissenschaftlichen Leistungen vieler Professoren. Richard Ehrenberg (geboren am 5. Dezember 1857 in Wolfenbüttel) war von 1899 bis zu seinem Tod am 17. Dezember 1921 Professor der Staatswissenschaften. Zuvor hatte er sich als Historiker einen guten Ruf erworben. In Jena war 1896 sein zweibändiges Werk „Das Zeitalter der Fugger, Geldkapital und Kreditverkehr im 16. Jahrhundert“ erschienen. In Rostock sammelte er den Nachlass von Johann Heinrich von Thünen und gründete das Thünen-Archiv.

Der schon erwähnte Hermann Reincke-Bloch (geboren 15. August 1867 in Berlin, gestorben 1. Januar 1929 in Breslau) lehrte in Rostock von 1904 bis 1923 mittelalterliche und neuere Geschichte. Verdient machte er sich durch Forschungen zur mittelalterlichen Verfassungsgeschichte. Der bedeutendste Wissenschaftler, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Rostock wirkte, war Wolfgang Golther (geboren 25. Mai 1863 in Stuttgart, gestorben 14. Dezember 1945 in Rostock). Er wurde 1895 Professor für deutsche Philologie, ab 1907 auch Direktor der Universitätsbibliothek. Fast vier Jahrzehnte wirkte er bis 1934 als Hochschullehrer. Über 100 wissenschaftliche Arbeiten und unzählige Rezensionen (erschienen unter anderem in den „Mecklenburgischen Monatsheften“ und dem „Rostocker Anzeiger“) kreisen um das Thema Richard Wagner und die stofflichen Grundlagen seines Werkes.

Golther war einer der besten Kenner des Wagner’schen Werkes, der germanischen Götter- und Sagenwelt. Das Rostocker Theater verdankte ihm die Einführung des Bayreuther Stils. Am 3. November 1918 weigerten sich Kieler Matrosen, einen selbstmörderischen Auslaufbefehl der Befehlshaber der Kaiserlichen Flotte zu befolgen. Damit brach die Novemberrevolution aus, die zum Sturz der Monarchie und zum Ende des Ersten Weltkrieges führen sollte. Schon am 4. November liefen Kieler Matrosen mit Torpedobooten auch in Warnemünde ein. Am Nachmittag des folgenden Tages begaben sich Mitglieder eines in Warnemünde gewählten Soldatenrates zum Garnisonskommandeur in Rostock, der zustimmen musste, dass auch die Kompanien der hiesigen Garnison ihre Vertrauensleute wählen konnten.

Am 6. November legten die 1700 Arbeiter der Neptun-Werft ihre Arbeit nieder, um die sofortige Beendigung des Krieges zu erzwingen. Auf einer Massenversammlung in der „Philharmonie“ erklärten sich die Arbeiter mit den meuternden Kieler Matrosen solidarisch. Sie forderten den Friedensschluss, das allgemeine Wahlrecht und Maßnahmen zur Verbesserung der Lebenslage.

Schließlich versprach ihnen der Rostocker Senat eine Reform der Stadtverfassung. Am Nachmittag des gleichen Tages versammelte sich die Rostocker Garnison in der Maßmannstraße auf der alten Rennbahn. Die Anwesenden sandten ein Telegramm an das Kriegsministerium in Berlin, in dem es hieß: „Die Rostocker Garnison fordert und empfiehlt der Volksregierung, durch umgehende telegraphische Anweisung an alle Garnisonen Deutschlands die Bildung von Soldatenräten zu empfehlen und anzuerkennen.“

Am 9. November kam es zum Sturz der kaiserlichen Monarchie, doch der Republik sollten schwere Jahre bevorstehen.

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