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Norddeutsche Neueste Nachrichten

21. November 2017 | 07:35 Uhr

Mit 80 Lenzen noch an Deck

vom

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erstellt am 04.Feb.2013 | 09:40 Uhr

Warnemünde | Heute wird Karl-Heinz Ruschau kaum dazu kommen, mit seiner Frau Erna seine täglichen Runden im Ostseebad zu drehen. Denn an diesem Tag wird sein Telefon häufig klingeln: Der Fischer und älteste Kutterführer aus dem Ostseebad wird 80 Jahre alt. Ruschau und Warnemünde - das gehört untrennbar zusammen. Und nicht nur, weil er in Warnemünde geboren wurde, im Alten Strom schwimmen lernte und noch heute im Haus seines Großvaters in der Alexandrinenstraße lebt. Ruschau hat diesen Fischerort nie verlassen, er erlebte den Wandel in der Fischereigeschichte mit und fährt bis heute noch Kutter. Bisher schaffte er jeden Gesundheits-Check, der in seinem Alter Voraussetzung für das Seefahrtsbuch ist, ohne Einschränkungen.

Angefangen hat alles auf dem Zehn-Meter-Kutter "Hertha" von Großvater Hermann und in der Fischereischule, wo er Fischer lernte. Als Netzmacher und Bestmann fuhr er unter Otsche Schill mit der ROS 118 namens "Solidarät". "Ich habe fast alle Kutter gefahren", sagt der Jubilar nicht ohne Stolz. Es folgten die "Ernst Thälmann" unter Horst Pahl und viele andere Schiffe. Mit am längsten war er auf der "Ueckermünde" unterwegs, die in diesem Jahr verschrottet worden ist. Als sie ihren letzten Gang antrat, standen dem alten Fischer Tränen in den Augen.

Ruschau erlebte 1955 den Wechsel von der Privatfischerei zur Fischerei-Produktionsgenossenschaft. Er selbst heuerte damals beim Fischer Hermann Hahn an, der aber 1956 mit seinem Kutter in den Westen verschwand. "Da stand ich auf der Straße", sagt Ruschau. Ohne Kutter musste er sich um neue Arbeit bemühen. Er fing als Netzmacher in der Fischereifahrzeug- und Gerätestation (FGS) an. 1966 folgte der Zusammenschluss zur großen FPG Warnemünde, zu der allein 110 Berufsfischer gehörten. Ruschau erlebte in der Fischerei gute und schlechte Zeiten. "Zum Teil haben wir viel Geld verdient, aber zum Beispiel 1969 war ein schlechtes Fischjahr. Da schaufelten wir in Lütten Klein Gräben für das neue Wohngebiet, um unsere Familien zu ernähren", sagt er. Mit einem Augenzwinkern erinnert er sich auch daran, dass Aal zu DDR-Zeiten mit die beste Währung und Tauschware war.

Mit der Wende musste auch er sich auf einen Wandel einstellen. Wie für viele kam auch für ihn das Aus, Altersübergang hieß es. "Anfangs ging das noch, aber dann fehlte mir etwas", gibt der Kutterführer zu. Er fuhr dann für Vereine die "Santa Maria", die "Pasewalk" und kam 2000 auf die "Zufriedenheit" des Vereines Angel- und Seetouristik. Zufriedenheit ist im Doppelsinne ein passendes Stichwort für sein Leben. Hier an Bord derselbigen ist er zufrieden, hier kann er seine Erfahrungen als Fischer und Kutterführer einbringen. So eine fachliche Koryphäe wie Ruschau möchte der Verein eigentlich nicht gehen lassen. "Ich will noch ein Jahr fahren", sagt der Fischer. Ganz ohne Schiff wird er nie sein - privat bleibt ihm sein Boot, der "Butt". Fisch kommt bei Ruschaus übrigens zwei- bis dreimal in der Woche auf den Tisch. Ein echter Gaumenschmaus ist dabei Ernas Fischsülze. Heute feiert der Fischer mit seiner Frau, den Söhnen Reinhard und Heiko, den vier Enkelkindern und guten Freunden zu Hause. Auch die Söhne haben beruflich mit Schifffahrt zu tun. Heiko ist Elblotse und Reinhard Kapitän bei einer Baggerreederei.

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