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17. Dezember 2017 | 03:26 Uhr

Mit 17 Jahren im Hörsaal

vom

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erstellt am 25.Jan.2012 | 09:24 Uhr

Rostock | Mit dem "Mutti-Zettel" zur Erstsemester-Party - Julius Zimmermann muss grinsen, wenn er das erzählt. "Eigentlich durften Studenten, die noch nicht 18 sind, nicht an der Einstands party teilnehmen", sagt der 17-Jährige, der seit Oktober vergangenen Jahres Physik in Rostock studiert. Er konnte jedoch eine "Personen-Fürsorge-Übertragung" der Eltern an eine volljährige Person vorweisen. Eine ältere Studentin, die für die Neuen zuvor eine "Ersti-Rallye" durch die Stadt organisiert hatte, hatte sich bereit erklärt, die Verantwortung zu übernehmen. So konnte Julius dabei sein.

Überflieger in der Schule

Auf die Ersti-Fahrt nach Hamburg musste er allerdings verzichten, aus versicherungstechnischen Gründen wegen mangelnder Gewährleistung der Aufsichtspflicht. "Das war schon schade", meint er. Durch die Vorkurse in Mathe habe er aber trotzdem die Gelegenheit gehabt, seine Kommilitonen schon vor Beginn des Studiums kennenzulernen.

Seinen Status als minderjähriger Student und die damit verbundenen Besonderheiten nimmt Julius eher gelassen hin. "Ich möchte keine Sonderrolle haben", sagt er, "bloß Klarheit über Sonderregelungen." Dass er noch nicht volljährig ist, merkt man ihm nicht an. Er wirkt selbstsicher und trotzdem bescheiden. Im Studium sei er kein Überflieger, sondern einer von vielen, betont er.

Das war zu seiner Schulzeit in Niedersachsen noch anders. Schon im ersten Schuljahr fiel seine überdurchschnittliche Intelligenz auf. Da während der Grundschulzeit ein Umzug anstand, habe er aber zunächst keine Klasse übersprungen. "Außerdem wollte ich mit Freunden im gleichen Alter zusammenbleiben."

Das war ihm auch wichtig, als er auf ein reguläres Gymnasium wechselte. Da ihm fast alle Fächer leicht fielen, blieb viel Zeit für Freunde, Saxophon spielen und seinen Lieblingssport: Fußball. "Das habe ich sehr ernsthaft betrieben, bis zur Niedersachsenmeisterschaft in der C-Jugend."

Als die Langeweile im Unterricht zunahm, übersprang er jedoch das achte Schuljahr. Dadurch kam er in den doppelten Abitur-Jahrgang in Niedersachsen und machte seinen Abschluss mit 1,0 nach der zwölften Klasse. Er sei es gewohnt, mit Älteren in einem Jahrgang zu sein, so der junge Student. Deshalb mache ihm das jetzt auch nichts aus.

Hohes Lernpensum

Turbo-Abi nach zwölf Schuljahren, Wegfall der Wehrpflicht - Julius Zimmermann ist nicht der einzige Minderjährige an den Hochschulen des Landes. Auch wenn die Zahl noch nicht stark ins Gewicht fällt, nimmt sie doch langsam zu. So registrierte allein die Universität Rostock zum 1. Oktober 2011 neun minderjährige Studenten, darunter eine 16-jährige Medizinstudentin. Vor zwei Jahren waren es nur vier. Greifswald zählte zu Beginn des laufenden Wintersemsters drei Studenten unter 18 Jahren und Stralsund einen. Nach Angaben des Bildungsministeriums gab es im Vorjahr landesweit nur fünf Studenten unter 18.

Am Rostocker Institut für Physik kennt Julius Zimmermann allerdings keinen anderen Minderjährigen. Für das Fach hat er sich spät entschieden. Ein guter Lehrer und ein Ferienforschungskurs im Zentrum für Naturwissenschaft und Friedensforschung in Hamburg haben den Ausschlag geben. An Physik sei sympathisch, dass die Wissenschaft auf Anwendung ausgerichtet sei, sagt er. So falle ihm auch das Lernen leichter, für das er früher nur wenig Zeit aufwenden musste.

Das ist jetzt anders: Bis zu 80 Stunden pro Woche kostet Julius das Bachelor-Studium. Dadurch, dass er Physik und Mathe in der Oberstufe nur als Grundkurse hatte, muss er manche Wissenslücke stopfen. Für Hobbys bleibt da kaum noch Zeit. Einmal pro Woche Fußball beim SV Hafen Rostock - mehr ist im Moment nicht drin. Zumal sich Julius auch in der Fachschaft Physik engagiert.

Zu jung für das Begrüßungsgeld

Trotz des Stresses macht ihm das Studium Spaß. Für Rostock hat er sich bewusst entschieden. Im Hochschul-Ranking schneidet die Hansestadt gut ab. Es gibt keine Studiengebühren. Am Institut herrsche eine angenehme und persönliche Atmosphäre, sagt Julius. Außerdem liebe er die Stadt: direkt am Wasser, nicht zu weit weg von seiner Heimat bei Lüneburg und nicht zu riesig, so dass man mit dem Fahrrad alles erreichen kann. Julius besitzt zwar den Führerschein mit 17, aber kein Auto. "Da müsste ja auch immer jemand mitfahren, der mindestens 30 Jahre alt ist."

So wie bei der Wohnungssuche. Da waren seine Eltern nicht nur wegen des Fahrens mit dabei. "Ich darf mit 17 ja noch keinen Mietvertrag unterschreiben", weiß Julius, der jetzt in einer Vierer-WG wohnt. Eine Überraschung erlebte er dagegen im Bürgeramt der Stadt. Normalerweise würden Studenten, die ihren Hauptsitz nach Rostock verlegen, ein Begrüßungsgeld von 100 Euro erhalten. "Dort hat man mir aber gesagt, dass ich mit 17 noch gar keinen Hauptwohnsitz anmelden darf." Doch das will Julius im kommenden Monat nachholen. Dann wird er 18 - und bekommt die 100 Euro als Geschenk.

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