Ministerium lässt Millionen Daten von Schülern sammeln

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17. Juni 2012, 09:58 Uhr

Schwerin | Wozu braucht man diese Daten? Das Bildungsministerium lässt von den Schulleitern Jahr für Jahr Millionen von Informationen sammeln. Angaben zu jedem einzelnen Schüler, in jeder Klasse, in jeder Schule: Schulnummer, Schülernummer, Land, Schulart, Geschlecht, Geburtsdatum, Staatsangehörigkeit, Migrantenstatus, Verkehrssprache, Zuzugsjahr, Einschulungsart, Einschulungsjahr bis hin zu Lese-Rechtschreibschwäche, Dyskalkulie, Förderbedarf, Förderung... 36 Infos über jeden Einzelnen der 132 000 Schüler und weitere 37 500 Berufsschüler. Über sechs Millionen Daten!

Schulleiter haben angesichts dieser Bürokratie für die Statistik längst resigniert. Die ersten drei Wochen im Schuljahr sitzen sie an den Berichten. Und das ist nicht alles. Für jeden der 12 110 Lehrer müssen noch einmal 23 Angaben erfasst werden.

Noch viel problematischer ist, dass Eltern nicht wissen, dass Personen-Daten ihrer Kinder in einem Schulberichtssystem erfasst werden. "Das ist mir gänzlich unbekannt", sagt Claudia Metz, Mutter von drei Kindern und Kreis elternratsvorsitzende. Sie ist seit 2003 aktive Elternvertreterin am Humboldt-Gymnasium in Greifswald. An ihrer Schule wird darüber nicht informiert. Andere Schulleiter bestätigen das auf unsere Nachfrage für ihre Einrichtungen.

Deshalb wollte es jetzt die Greifswalder Landtagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen, Ulrike Berger, genau wissen: Wie wird mit diesen personengebundenen Daten umgegangen, fragte sie in einer Kleinen Anfrage Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD). Seine Antwort in der Drucksache 6/706, die unserer Redaktion vorliegt: "In einem Informationsschreiben, welches an den Schulen durch Aushang veröffentlicht wurde, werden Schüler und Eltern über den Umfang der Datenerhebung informiert." Falsch, sagt Simone Oldenburg, bislang Schulleiterin in Klütz, jetzt Abgeordnete der Linken: "Es wird nicht jedes Jahr informiert." Lediglich zum Start des Berichtssystems vor Jahren gab es einen Aushang.

Ulrike Berger spricht inzwischen von einer "Datenkrake mit unermesslichem Appetit". Sie fragt: "Wozu muss das Statistische Amt wissen, welcher Schüler von welchem Lehrer unterrichtet wird? Mit den Antworten werden höchst sensible persönliche Daten weitergegeben." Persönlichkeitsrechte werden untergraben.

Peinlich: Auf eine weitere Anfrage von Ulrike Berger zu internationalen Austauschprogrammen, antwortet das Ministerium, dass die Zahl der Schüler im Austauschjahr nicht erfasst werde. "Die Daten werden statistisch nicht erfasst; eine Meldepflicht gibt es nicht." Doch genau Schüler im Ausland werden auch im Schulberichtssystem erfasst. Hat das Ministerium den Überblick über seine Statistiken verloren? fragt Berger.

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