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24. November 2017 | 08:30 Uhr

Mehmet Turgut: Das vertauschte Opfer

vom

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erstellt am 11.Jun.2013 | 08:52 Uhr

Rostock | Wenn man Yunus Turgut gegenübersteht, fällt es schwer zu glauben, dass er tot sein soll. Erschossen am 25. Februar 2004 in Rostock, von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, den Terroristen des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU), ermordet in einem Dönerstand in Toitenwinkel, kurz nach 10 Uhr vormittags. Yunus Turgut wurde 25 Jahre alt. So jedenfalls steht es in den Akten der deutschen Sicherheitsbehörden.

Doch Yunus Turgut lebt. Er ist Bauer in Kayalik. Das kurdische Dorf liegt weit oben in den Bergen Ostanatoliens, 150 Menschen leben dort. Eine Schule gibt es hier nicht, dafür eine Moschee, einen Dorffriedhof. In einem einfachen Bauernhaus empfängt Yunus und erzählt aus seinem Leben. Es ist die Geschichte eines brutalen Mordes und einer folgenschweren Verwechslung. Und eine Geschichte vom Umgang der deutschen Bürokratie mit der Realität einer kurdischen Bauernfamilie. Sie beginnt Anfang der 1980er-Jahre.

Als Yunus Vater Hanifi für seine Söhne Kinderpässe beantragt, vertauschen die türkischen Behörden die Geburtsdaten. Mehmet bekommt das Geburtsjahr 1977, Yunus 1979. Aus dem Jüngeren wurde der ältere Bruder. Als die Jungen alt genug sind und nun Bilder in ihren Ausweisen kleben, beschließen sie, die Pässe einfach zu tauschen.

Jetzt stimmt immerhin das Geburtsdatum. Fehlerhafte Angaben sind in der ostanatolischen Halbwüste mit ihren heißen Sommern und harten Wintern das kleinste Problem. Es weiß doch jeder im Dorf, dass Yunus in Wirklichkeit der zwei Jahre jüngere Mehmet ist. Zum Problem wurde es erst in Deutschland.

"Drei Männer pro Haus sind damals nach Deutschland gegangen", sagt Yunus Turgut. Mehmet und er waren zwei von ihnen. Yunus Turgut klingt dabei wie jemand, der einen großen Fehler begangen hat und der nun versucht, sich zu erklären. Immer wieder reibt er sich über die eingefallenen Wangen und schaut zu Boden. Zweimal war sein Bruder Mehmet illegal in Deutschland. Er wird abgeschoben. Nach seinem dritten Versuch kommt er in einem Sarg zurück.

Er wurde das fünfte Opfer des NSU, aber das wussten die Behörden damals nicht. Sie hatten Kurden im Verdacht, türkische Nationalisten, Drogendealer. Es war die Zeit, als der Begriff "Dönermord" entstand.

Auch Yunus lebte damals in Rostock. Die deutschen Behörden werden ihn später zuerst in Rostock und dann - er ging wenige Monate nach dem Mord zurück in die Türkei - in Ankara stundenlang verhören und ihn wieder und wieder fragen, wer seine Feinde sind, wer ihn, Yunus Turgut, töten wollte. "Sie sagten, eigentlich hätte es mich treffen sollen. Nur wegen der Namensverwechslung sei Mehmet von Auftragskillern ermordet worden." Heute ist "Mordkommission" eines der wenigen deutschen Wörter, das er noch kennt.

Yunus lebt mit seiner Frau Songül und zwei kleinen Kindern wieder in Kayalik, dem Dorf seiner Vorfahren. Er ist Bauer, besitzt vier Schafe und eine Kuh. Seine Eltern haben Bruder Mehmet nach dem Mord begraben und danach das Dorf für immer verlassen. Vater Hanifi ist 57 Jahre alt, er leidet seit dem Tod seines Sohnes an Parkinson und ist zuckerkrank. Die Mutter ist 53 Jahre alt, sie bestehe nur noch aus Haut und Knochen, sagt Yunus.

Als damals die Polizei nach Kayalik kam und die Bewohner tagelang verhörte, fingen die Leute an zu reden. Was hatte sich Mehmet zu Schulden kommen lassen? Gab es womöglich Familienfehden? An seine Unschuld glaubte irgendwann nur noch seine Familie. Seit bekannt ist, wer Mehmet wirklich getötet haben soll, ist die Familie etwas erleichtert. Jetzt wissen sie und mit ihnen das ganze Dorf, dass Mehmet kein Krimineller war, sondern das Opfer deutscher Neonazis.

Den Prozess in Deutschland will Yunus nicht besuchen, obwohl er Nebenkläger ist. München ist weit weg. Ohnehin glaubt er nicht daran, dass der Prozess die Hintergründe der Morde aufklären kann. Der sonst so ruhige 36-Jährige redet sich in Rage. Er wird laut, gestikuliert wild. "Deutschland ist ein modernes, hochentwickeltes Land. Wie konnte es diese Morde nicht aufdecken?"

Es gibt aber auch jemanden in Deutschland, dem die Turguts dankbar sind: Barbara John, Ombudsfrau der Bundesregierung für die NSU-Opfer. Sie steht auch den Familien in der Türkei zur Seite. Die Turguts haben eine Entschädigung bekommen, die Eltern je 10 000 Euro, die Geschwister je 5000. Mustafa, mit 19 Jahren Jüngster der fünf Turgut-Geschwister, hat Barbara Johns Angebot angenommen und ist seit Anfang Mai in Deutschland. Er wird Yunus später wohl erzählen, wie es war, der mutmaßlichen Komplizin der Mörder seines Bruders in die Augen zu schauen.

Und Yunus? Der wird dann vielleicht wie so oft auf den kahlen Hügel hinter seinem Haus steigen. Dort liegt der Dorffriedhof. Hier ist sein kleiner Bruder begraben. "Mehmet Turgut" steht in schwarzer Schrift auf dem weißen Grabstein. Der Name von NSU-Opfer Nummer fünf. In der Anklageschrift gegen Beate Zschäpe nennt ihn die Bundesanwaltschaft noch immer Yunus. Dass er in Wirklichkeit Mehmet heißt, steht nur in den Fußnoten.

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