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15. Dezember 2017 | 18:57 Uhr

Märchenhafte Uraufführung

vom

svz.de von
erstellt am 17.Okt.2012 | 08:05 Uhr

Rostock | Schreib uns doch eine Oper - so oder so ähnlich kann man sich die Initiative der Kabinettoper vorstellen, die sich in Person von Lea Fink an den jungen Komponisten Sven Daigger wandte. Die Kabinettoper ist ein 2010 gegründetes internationales Netzwerk junger Künstler und Theateridealisten ohne festen Standort, das pro Jahr zwei Projekte verwirklicht, vorzugsweise abseits des gängigen Repertoires. Und das bereits ein Jahr nach Gründung den Vorstoß zu einer Uraufführung wagte.

Am Montag- und Dienstagabend ging sie in der Rostocker Kunsthalle über die Bühne. Mit dem 1984 geborenen Sven Daigger wurde ein Komponist gewonnen, der an der Hochschule für Musik und Theater Rostock (HMT) bei Peter Manfred Wolf und in Wien bei Adriana Hölszky studierte und nun seine Studien bei Wolfgang Rihm in Karlsruhe fortsetzt. In Rostock erklangen bereits mehrere Kammermusik- und Orchesterwerke von ihm, die durchweg ein besonderes kompositorisches Talent und ein sensibles Klangempfinden verrieten.

Gemeinsam mit der Dramaturgin Lea Fink (*1986), Klavier- und Musiktheorie-Absolventin in Rostock, Wien und Boston, suchte Daigger nach einem passenden Thema und fand das Grimm’sche Märchen von der klugen Else. Die will der Hans heiraten. Beim Bierzapfen im Keller jammert sie über die Kreuzhacke, die dort vergessen wurde, herunterfallen könnte und ihr Kind erschlagen, das sie mit Hans haben könnte, wenn der sie heiratete, falls es dann gerade Bier zapfte wie sie jetzt. So viel Verstand sei für seinen Haushalt genug, meint der Hans, irrte aber, denn im Feld waren der Else Essen und Schlafen wichtiger als Arbeiten.

Enthusiastischer Applaus für engagiert frisches Spiel

Für das Libretto blickten Fink und Daigger nicht in die psychologischen Tiefen der handelnden Personen. Ihnen war die ziemlich absurde Erzähloberfläche des Märchens recht, um ein buntes Spektakel zu konstruieren, das die Einsamkeit der Protagonisten in ihren kuriosen Handlungen zeigt. Gespielt wurde auf quadratischem Podest, rings umgeben von Publikumsplätzen, die zu den Aufführungen voll besetzt waren. Auf die vier Ecken verteilte sich ein Instrumentalensemble unter der versierten Leitung von Jin Rožen (*1991), sodass jeder Zuhörer seinen eigenen stereofonen Klangeindruck bekam.

Es war das erste Mal, dass Daigger für Singstimmen komponierte. Da gelang ihm die Balance zwischen der Tenorstimme von Koen Vereertbrugghen (Hans) und den Instrumenten noch nicht gut. Zwar konnte man einzelne Textworte aufschnappen und erkennen, dass er die kluge Else mit dem Märchen von Frieder und Katherlieschen kombiniert, doch das sicher schöne Timbre des belgischen Sängers ging im tumultuösen Spiel unter. Insgesamt aber entfaltete sich die Musik nach einer Ouvertüre, in der die Klänge wie der Verstand in Elses Kopf rings um die Bühne kreisten, zu spannenden musikalischen Szenen. Wichtige Textpassagen von Elses Vater (Thomas Lettow) und Mutter (mit Joscha Zmarzlik männlich besetzt) ließ der Komponist unbegleitet sprechen. Mit zarter, geradezu anrührender Sanglichkeit hingegen konnte sich Claudia Roick, seit 2009 Studentin der HMT, in der Titelrolle äußern, gehalten vom feinen Gewebe sanfter Instrumentalstimmen. Am Ende, nachdem Hans ihr im Schlaf auf dem Feld ein Vogelnetz mit Glöckchen übergeworfen hatte, gab ihr das Stück sogar Gelegenheit für einen Tanz, der die Verwirrung der Else subtil ins Musikalische übersetzt. Dann aber griff die dänische Regisseurin Tine Topsøe (*1982) raffiniert in das Märchen ein und ließ zur Musik, die wie im großen Bogen auf den Beginn zurückverweist, die Handlung im Schnelldurchlauf rückwärts laufen, bis alle vier wieder am Ausgangspunkt mit dem Rücken zueinander stehen. "Nun seht zu, was ihr damit anfangt" - das mag wohl ihre Botschaft an das Publikum sein. Das gab dem Opernerstling von Lea Fink und Sven Daigger und dem engagiert frischen Spiel aller Mitwirkenden der Kabinettoper enthusiastischen Applaus.

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