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Christopher Street Day Rostock : „Liebt euch!“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Rostock wird bunt: Heute feiert die Stadt den 15. Christopher Street Day. Er steht unter dem Motto „Demonstriere laut – wähle klug! Dein Kreuz für Akzeptanz und Menschlichkeit“ und damit ganz im Zeichen der bevorstehenden Bundestagswahl im September. Die Community hat in den vergangenen Jahrzehnten viel erreicht – zuletzt die Ehe für alle. Doch in Sachen Gleichberechtigung gibt es noch viel zu tun, sagt Schwester Rosa.

Rosa la ola Grande fällt auf, ist eine Erscheinung. Auf ihren High Heels knackt sie die Zwei-Meter-Marke. Die Strumpfhose ist bunt geringelt, ihr Kleid knallgrün. „Ich bin nicht immer der Frosch, manchmal bin ich auch das Zebra“, kokettiert sie. Ihre Wimpern sind unecht, berühren bei jedem Aufschlag ihre Brille. Der Lippenstift glitzert genauso intensiv wie die goldenen Christbaumkugeln an ihren Ohren. Auf ihrem Kopf trägt sie einen auswattierten, mit Paillettenstoff verzierten BH, an dem ein Schleier hängt. Das Gesicht ist weiß grundiert und farbig geschminkt – so wie es sich für eine „Schwester“ gehört. „Das Weiß steht für den Tod. In den 80er-Jahren begleiteten die Schwestern Sterbende auf ihrem letzten Weg. Die Farbe soll Kontraste setzen.“ Zwei Stunden braucht Rosa für die Maskerade. „Ich habe nie gedacht, dass ich mich so schminken könnte.“ Schließlich steckt hinter der Kostümierung ein Mann. „Dass ich homosexuell bin, habe ich im Alter von acht Jahren festgestellt. Geoutet habe ich mich aber erst mit 16“, sagt Jörgen. Sein Alter Ego Rosa entdeckte er vor 15 Jahren durch einen Zufall. „Zum ersten Christopher Street Day (CSD) in Rostock kamen auch die Schwestern aus Berlin. Als ehrenamtlicher Helfer war ich für ihre Betreuung zuständig. Das war mein erster Kontakt.“ Und nicht der letzte: „Sie kamen auch zum zweiten CSD. Bei einem Bootsausflug fragten sie mich, ob ich auch Schwester werden möchte. Erst sagte ich nein, doch als ich die Damen in Berlin besuchte und begleitete, gefiel mir die Vorstellung.“ Die Ausbildung zur Schwester dauert etwa ein Jahr. „Wir reden über alles mit jedem. Das Herz einer Schwester ist immer offen.“ Manchmal lasten die Gespräche auch auf der Seele, sagt Rosa. Doch dafür gebe es Supervisionen. „Dort können wir uns freireden.“ Ihre Künstlernamen suchen sich die Damen selbst aus. Rosa soll an Rostock erinnern. „Die Stadt, in der ich lebe und mich zu Hause fühle.“ Nicht zuletzt, weil sich die Schwulen- und Lesben-Community in der Hansestadt aktiv für Toleranz und Akzeptanz einsetze. „Die Community hat einen festen Anker in der Stadt. Auch Schwerin und Greifswald entwickeln sich, auch dort gibt es Menschen, die etwas bewegen wollen. Das ist eine sehr positive Entwicklung. Wir dürfen nicht vergessen, dass auch der Rostocker CSD klein angefangen hat. Inzwischen kommen 5000 Leute.“

Auch wenn die Ehe für alle, die kürzlich vom Bundestag beschlossen wurde, ein großer Schritt in Richtung Gleichstellung sei, bleibt die Liste der politischen Forderungen Homosexueller lang. „Wir müssen aufhören, in Sparten zu denken, und die Menschen leben lassen wie sie leben wollen.“ Schwester Rosas Credo verziert auch ihr Gesicht: „Live your love“ – „Lebe deine Liebe“. „Oder: Liebt euch einfach!“, erklärt sie.

Für Daniel Schramm und Axel Prokof gibt es keine Alternative: Sie sind schwul. Sie lieben sich. „Wir haben es ohneeinander versucht, aber miteinander ist es schöner“, sagt Daniel. Die beiden begegneten sich zum ersten Mal am 7. Dezember 2011. Sie lernten sich kennen, verliebten sich. Am 18. August 2018 wollen sie in Gelbensande nahe Rostock heiraten. Dass sie es nun auch dürfen, entlockt ihnen ein „endlich“. „Wir bedauern lediglich, dass die Entscheidung kurz vor der Bundestagswahl durchgedrückt wurde“, sagt Axel.

Nicht immer sah es so aus, als würde sich das Paar ein Versprechen „für immer“ geben. „Zwischendurch hatte ich Panik. Zum ersten Mal hielt eine Beziehung länger als die obligatorischen vier Monate. Ich zog mich zurück“, erklärt Axel. Eineinhalb Jahre waren sie getrennt – ein Fehler, weiß Axel heute. „Wir haben uns glücklicherweise wieder zusammengerauft. Das war die beste Entscheidung, die wir treffen konnten.“ 2014 zog das Paar zusammen. Die erste gemeinsame Wohnung. „Die Sache wurde ernster und die Liebe größer. Aus Spaß sprachen wir übers Heiraten. Wir waren uns nur nicht einig, wer den Antrag macht“, witzelt Daniel.

Dann fuhren die beiden nach New York – „beide mit der Idee, den anderen zu fragen“, sagt Axel. Daniel kaufte Schmuck vor der Reise, Axel brannte Urlaubsvideos auf zwei CDs – als Ringersatz. „Es ging nur darum, wer schneller ist.“ Als sie in einem Restaurant über den Dächern von New York ein Bier tranken, war es so weit: Der Kellner servierte Schmuck zum Hauptgang und Daniel stellte die Frage aller Fragen: „Willst du mich heiraten?“ „Ich habe kurz darüber nachgedacht, nein zu sagen, um Daniel zu ärgern, aber das wäre zu gemein gewesen“, gesteht Axel. Und nach der Hochzeit? „Für die Zukunft wünsche ich mir, so glücklich zu sein wie jetzt – auch noch in fünf, zehn oder 20 Jahren. Vielleicht holen wir uns noch etwas Kleines, einen Hund zum Beispiel. Vielleicht haben wir auch irgendwann die Möglichkeit, ohne Probleme ein Kind zu adoptieren“, sagt Axel. Er und sein Daniel besuchen regelmäßig CSD-Veranstaltungen, auch um sich für die Rechte von Schwulen und Lesben stark zu machen. Auch beim heutigen Christopher Street Day in Rostock sind sie dabei. Dort werden sie auch auf Rosa treffen – in ihrer bunten Ringelstrumpfhose.

Forderungen

Kampf gegen Homophobie:
Homo- und Transphobie sind trotz aller gesellschaftlichen Fortschritte weiterhin ein Problem. Initiativen auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene müssen in Gang gesetzt, fortgeführt und auch in Zukunft finanziell angemessen ausgestattet werden. Sogenannte Hassdelikte müssen strafrechtlich verfolgt werden. Ein nationaler Aktionsplan gegen Homo- und Transphobie soll mit konkreten Maßnahmen Diskriminierungen entgegentreten.

Akzeptanz durch Bildung:
Diskriminierung muss durch Aufklärungs- und Bildungspolitik entgegengewirkt werden. Den Schulen kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, um der auf den Schulhöfen immer noch weit verbreiteten Homophobie Einhalt zu gebieten.

Volle Anerkennung von Regenbogenfamilien:
Das Bundesverfassungsgericht hat in zahlreichen Entscheidungen deutlich gemacht, dass die Benachteiligung eingetragener Lebenspartnerschaften verfassungswidrig ist – auch für das Adoptionsrecht. Das Verbot einer gemeinschaftlichen Adoption durch Lebenspartner ist abzuschaffen.

Rehabilitation und Entschädigung:
Nach 1945 wurden in beiden deutschen Staaten Männer wegen einvernehmlicher homosexueller Handlungen verurteilt. In der Bundesrepublik Deutschland gab es zwischen 1945 und 1969 rund 50 000 Verurteilungen wegen „widernatürlicher Unzucht“ zwischen Männern nach § 175 StGB. Die Menschenrechtsverletzungen an Homosexuellen nach 1945 in beiden deutschen Staaten sind bis heute nicht aufgearbeitet. Deshalb fordern wir eine Aufhebung der nach 1945 aufgrund einvernehmlicher homosexueller Handlungen ergangenen Urteile und eine Entschädigung der Betroffenen.

Aufhebung des Blutspendeverbots:
In Deutschland sind homo- und bisexuelle Männer von Blutspenden ausgeschlossen. Dabei bestimmt nicht die sexuelle Orientierung, sondern der Lebensstil der Spender die Sicherheit einer Blutspende. Es müsse daher vom individuellen Risikoverhalten abhängig sein, ob ein Spender in Frage kommt.

>> weitere Forderungen: csd-nord.de/der-verein/gemeinsame-forderungen/


 

 

 

Der heutige CSD in Rostock steht unter dem Motto „Demonstriere laut – wähle klug! Dein Kreuz für Akzeptanz und Menschlichkeit.“ Der Straßenzug setzt sich 15 Uhr in Gang, politischer Auftakt ist bereits 13 Uhr am Neuen Markt. Der Abschluss wird ab 22 Uhr im Bunker gefeiert.

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erstellt am 15.Jul.2017 | 06:00 Uhr

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