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Norddeutsche Neueste Nachrichten

23. November 2017 | 08:51 Uhr

Lichtenhagen kommt nicht zur Ruhe

vom

svz.de von
erstellt am 29.Aug.2012 | 08:13 Uhr

Lichtenhagen | Sie sollte Symbol des Friedens sein und an die ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen im August 1992 erinnern. Doch in der Nacht zu gestern wurde die Eiche vor dem Sonnenblumenhaus abgesägt - nur zwei Tage nach ihrer Pflanzung. In ganz Rostock sind die Menschen entsetzt und traurig. "Das Absägen der Eiche ist ein Zeichen dafür, dass der Aufarbeitungsprozess noch längst nicht beendet ist", sagt Kultursenatorin Liane Melzer (SPD).

Zu der Tat bekannte sich gestern im Internet die Arbeitsgruppe "Antifaschistischer Fuchsschwanz". Diese rechtfertigte die Aktion mit der Wahl des Gedenkbaumes. Die deutsche Eiche sei durch Militarismus und Nationalsozialismus symbolisch vorbelastet und nicht geeignet, um an die rassistischen Übergriffe zu erinnern.

Vietnamesin sorgt sich um ihre Zukunft

Die dreifache Mutter Ngo Thi Thu Ha hat Angst - Angst davor, dass durch das Fällen der Eiche die Emotionen hochkochen könnten und Schlimmes passiert. Die gebürtige Vietnamesin lebt erst seit einigen Jahren im Sonnenblumenhaus, doch die Bilder der Ausschreitungen von 1992 begleiten sie schon sehr lange. Die 28-Jährige fragt sich nun, ob es die richtige Entscheidung war, gerade in das Sonnenblumenhaus nach Lichtenhagen zu ziehen, das vor 20 Jahren zu einem Symbol der Fremdenfeindlichkeit wurde. "Ich habe Angst um die Sicherheit meiner Familie", sagt Ngo Thi Thu Ha. Als sie gestern früh sah, dass die Eiche gefällt wurde, war sie entsetzt. Sie wünscht sich nun nichts sehnlicher als Ruhe in ihrem Viertel. So geht es auch Christian Ahrens, der in einem Bestattungsinstitut im Sonnenblumenhaus arbeitet. Er blickt direkt auf die abgesägte Eiche und bezeichnet die Tat als "schlechtes Zeichen für Lichtenhagen und die Demokratie".

Diskussion über Symbol neu entfacht

Im gesamten Stadtteil gab es gestern nur noch dieses eine Gesprächsthema - den abgesägten Baum. Als Iris Schiemann gestern Vormittag den Stumpf der Eiche erblickte, war sie nicht nur enttäuscht, sondern auch sehr sauer. "Das ist pure Provokation", sagt die Erzieherin. Sie findet, dass die Hansestadt nun Stärke beweisen und einen neuen Baum pflanzen muss. Auch auf dem Parkplatz vor dem Sonnenblumenhaus wurde diskutiert. Die Anwohner fragten sich, wer so etwas tut und was das zu bedeuten hat. Eine unfassbare Schweinerei sei das, urteilen die einen.

Andere sind weniger erstaunt. Sie haben die Tat kommen sehen. Einer von ihnen ist Martin Heine, Historiker und Politikwissenschaftler aus der Nachbarschaft: "Es ist nicht unbedingt das richtige Symbol gewesen. Vielleicht pflanzt man nun besser eine andere Baumart."

Das Bündnis "20 Jahre nach den Pogromen - Das Problem heißt Rassismus" erhebt Vorwürfe gegen die Stadt. "Nach den Protesten und Bedenken gegen die Eiche an diesem symbolträchtigen Ort hätte die Stadt frühzeitig reagieren und einen anderen Baum auswählen können", heißt es in einer Erklärung der Initiative. Jetzt bekommt das Rathaus eine neue Chance, diese Bedenken zu berücksichtigen. Senatorin Melzer teilte mit, dass Rostock in jedem Fall einen neuen Baum pflanzen will. Das begrüßen auch die Fraktionen in der Bürgerschaft.

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