Leben am Ende der Buckelpiste

<strong>Schlaglochpiste auf 1,3 Kilometern:</strong> Bis vor die Haustür von Thomas Bruhn (l.) und Dirk Schäddel reiht sich Loch an Loch. <fotos>clla</fotos>
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Schlaglochpiste auf 1,3 Kilometern: Bis vor die Haustür von Thomas Bruhn (l.) und Dirk Schäddel reiht sich Loch an Loch. clla

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03. März 2013, 05:53 Uhr

Kavelstorf | 1,3 Kilometer - so lang ist die einzige Zufahrt zum Grundstück von Thomas Bruhn. Der Weg ist seine Verbindung zur Außenwelt und quasi auch die Lebensversicherung des 41-Jährigen und seiner Nachbarn. "Aber der Krankenwagen kommt zu uns nicht mehr durch - wenn wir einen Notfall haben, muss der Hubschrauber kommen", sagt Bruhn. Als Nachbar Frank van Heiden einen Schlaganfall erlitt, seien die Sanitäter die Schlaglochpiste noch gefahren, die eigentlich nicht den Namen Straße verdiene. "Zum Glück ist es bei mir gut ausgegangen", sagt van Heiden. Er mag sich gar nicht ausmalen, was passiert, wenn es noch einmal auf jede Minute ankäme.

Denn mehr als maximal zehn Stundenkilometer können Autos nicht fahren. Jeder der Nachbarn kann von zahlreichen Reparaturen erzählen, von Achsbrüchen, kaputten Stoßstangen und verlorenen Auspuffen. "Ich fahre seit Jahren keine Neuwagen mehr, sondern alte Möhren, das tut nicht so weh", sagt Dirk Schäddel.

Anwohner fühlen sich von der Gemeinde im Stich gelassen

Zehn Erwachsene und zwei Kinder leben in den beiden Häusern am Ende des Nordenschen Weges. Zwei der Mieter haben dort auch den Sitz ihrer Firmen. Wer sich mit seinem Auto einmal bis auf ihren Hof gequält habe, komme nur ungern wieder. Außer Post und Müllfahrzeuge, die müssten ja. "Besuch lässt sich meist von der Hauptstraße abholen, das war auch bei Kindergeburtstagen so", sagt Birgit Schäddel. Selbst Taxifahrer würden lieber auf Geld verzichten, als beim Heimbringen ihrer Kunden ein kaputtes Auto zu riskieren.

Von der Gemeinde fühlen sich die Anwohner im Stich gelassen. Seit Jahren würde im Nordenschen Weg nur Flickschusterei betrieben. "Weder die Art, wie es gemacht wird, noch das Material sind hochwertig", so Dirk Schäddel. Seine Frau bleibt nicht mehr so ruhig, seit sie bei der Gemeinde erfuhr, dass die Kavelstorfer Ortsteilvertretung einer anderen Straße den Sanierungsvorzug gegeben hätte.

Beweise dafür hat sie im Internet gefunden und sich die Protokolle der Sitzungen ausgedruckt. "Der Klingendorfer Weg Zum Ginsterberg war bereits mit Platten gemacht", sagt sie. Beide Straßen seien von dem Gremium mit geringer Priorität eingestuft worden. Der Klingendorfer Weg ist mit 290 000 Euro laut Protokoll in der Investitionssumme sogar fast doppelt so teuer wie die mit 150 000 Euro angegebene Schlaglochpiste in Kavelstorf. "Anfang 2012 hieß es, bei unserer Straße sei das Verhältnis von Kosten und Nutzen nicht gegeben und sie deshalb im Plan für den ländlichen Wegebau nicht vorgesehen", sagt Birgit Schäddel. Die Ortsteilvertretung habe sich für Zum Ginsterberg entschieden, weil dort mehr Einwohner betroffen seien. "Aber das stimmt nicht - hier sind es zwölf und dort acht", sagt Schäddel.

Sie kann nicht verstehen, warum sich die Verantwortlichen entschieden haben, eine bereits vorhandene Straße für mehr Geld neu zu machen, als bei ihnen erst einmal eine anzulegen. "Wir wollen doch einfach nur eine befahrbare Straße", sagt Bruhn und klingt des Kämpfens müde. Alle Nachbarn wohnen zur Miete in Kavelstorf. Natürlich hätte jeder von ihnen wegen der katastrophalen Zuwegung schon darüber nachgedacht, wegzuziehen. "Aber Wohnraum, der so schön ländlich, ruhig und dann zu mieten ist, das gibt es nicht so oft", sagt Bruhn. Wenn die Straße nicht wäre - er hätte sein Idyll gefunden.

So aber lohnt sich für ihn und die anderen kaum der Kauf von schicken Schuhen. Denn so manches Mal sind die Kavelstorfer die 1,3 Kilometer schon zu Fuß gegangen. Auch Frank van Heiden hat für die Fahrzeuge seines Kurierdienstes Stellflächen an der Hauptstraße angemietet. "Lieber zahle ich dafür als für die ganzen Reparaturen", sagt er. Dirk Schäddel erinnert sich, dass die Gemeinde ganz am Anfang die Schäden noch bezahlt hätte. Aber das sei lange vorbei. Als in ihrer Nachbarschaft die Windräder aufgestellt wurden, hieß es, die Firma würde anschließend die Straße machen. "Aber die haben die Reste eines abgerissenen Kuhstalls in die Löcher gekippt, inklusive Ohrmarken der Tiere und anderem Schutt", sagt Schäddel. Noch heute würden ab und an nach dem Regen Nägel mit hochgespült. Deshalb sei ihm auf der Autobahn schon ein Reifen geplatzt. Trotz all des Ärgers geben die Nachbarn die Hoffnung auf eine neue Straße nicht auf. Nur eines tun sie nicht: ihre Autos in die Waschanlage bringen. Denn das würde sich nicht lohnen.

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