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Norddeutsche Neueste Nachrichten

21. November 2017 | 22:25 Uhr

Volkstheater Rostock : Latchinian erneut entlassen

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Hauptausschuss beschließt aufgrund von Aussagen in einem Internetvideo die dritte Kündigung des Intendanten

von
erstellt am 21.Feb.2017 | 05:00 Uhr

Der Hauptausschuss hat gestern in einer Sondersitzung die erneute, dritte Kündigung von Theater-Intendant Sewan Latchinian beschlossen. Grund sind dessen Aussagen in einem Internetvideo vom Januar gegenüber der Geschäftsführerin der Freien Volksbühne Berlin. In dem Gespräch hatte er erklärt, die Rostocker „sind in vielem als Schnittmenge aller politischen Entscheidungen dann doch eher Hansels“. Außerdem wirft er dem ehemaligen Kulturminister Mathias Brodkorb (SPD) „Erpressung“ der Hansestadt vor und fordert ein Eingreifen des Bundes.

Darüber hinaus bezieht Latchinian Stellung zu seiner zweiten Kündigung, die das Landgericht Rostock im Dezember als rechtswidrig eingestuft und aufgehoben hatte. Der Prozess wird vor dem Oberlandesgericht fortgesetzt, da die Hansestadt als alleinige Theater-Gesellschafterin das Urteil anfechtet. Sie weigert sich, dem ehemaligen künstlerischen Leiter eine Abfindung von 150 000 Euro zu zahlen. Eine rechtsgültige Kündigung würde ihr das ersparen. Regulär lief Latchinians Fünf-Jahres-Vertrag noch bis Ende 2019. Basis für seine zweite Entlassung waren Vorwürfe des Geheimnisverrats und der verschleppten Spielzeitplanung sowie öffentliche Kritik am Arbeitgeber.

Unter anderem hatte der Intendant ein als geheim eingestuftes Konzept des damaligen kaufmännischen Geschäftsführers Stefan Rosinski an den Aufsichts- und Betriebsrat weitergeleitet. Latchinian: „Es sollten zwei unkündbare Schauspieler in eine Situation gebracht werden, um sie rechtssicher los zu werden.“ Solche „schmutzigen Versuche“ habe er verhindern wollen „und das wurde dann als Geheimnisverrat genommen, statt sich mit der wirklichen Schweinerei zu beschäftigen“.

Das Landgericht hatte die weitergeleitete E-Mail als Pflichtverletzung, aber nicht als Kündigungsgrund eingestuft. Eine verspätete Spielzeitplanung habe es nicht hinreichend feststellen können und die öffentliche Kritik sei durch das Grundrecht auf Meinungs- und Kunstfreiheit gedeckt gewesen. Erstmals erfolglos entlassen worden war Sewan Latchinian bereits im März 2015, nachdem er die Kulturpolitik des Landes mit den Zerstörungen des IS verglichen hatte.

Kommentar "Vor Gericht zählt nur das Recht" von Torben Hinz

Vor Gericht geht es nicht um persönliche Befindlichkeiten, sondern um knallhartes Arbeitsrecht. Das mussten die Anwälte der Hansestadt schon bei ihrer Niederlage vor dem Rostocker Landgericht im Dezember feststellen. Deswegen bleibt zu hoffen, dass sie mit der neuerlichen Kündigung tatsächlich hieb- und stichfeste Argumente vorbringen können. Denn dass Sewan Latchinian nicht vor einer Klage zurückscheut hat er bereits erfolgreich bewiesen – auch wenn das Verfahren noch nicht in letzter Instanz abgeschlossen ist. Wer sich die jüngste Urteilsbegründung und die Aussagen Latchinians während der jetzt zugrunde liegenden Podiumsdiskussion ansieht, der darf bezweifeln, ob die dritte Kündigung vor dem scharfen Auge der Justiz Bestand hat. Denn auch hier greift das Grundrecht der Meinungsfreiheit. Am Ende könnte der Stadt nichts anderes übrig bleiben, als in den sauren Abfindungsapfel zu beißen.

Natürlich hat Latchinian in seinen Aussagen zum Teil Grenzen überschritten. Aber für eine Entlassung zum Nulltarif dürfte das nicht genügen. Es ist daher zu befürchten, dass der Trennungsakt zwischen Stadt und Intendant weiter in die Länge gezogen wird – auf Kosten der direkt Beteiligten, der Mitarbeiter des Theaters und nicht zuletzt der Stadtkasse.

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