„Lasst uns klotzen und nicht kleckern“

Jedes Jahr ein Theater-Spektakel verspricht der künftige Intendant Sewan Latchinian für Rostock auf die Beine zu stellen. Georg Scharnweber
Jedes Jahr ein Theater-Spektakel verspricht der künftige Intendant Sewan Latchinian für Rostock auf die Beine zu stellen. Georg Scharnweber

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08. Mai 2013, 09:32 Uhr

Sewan Latchinian wird ab der Spielzeit 2014/15 als Intendant die Geschicke des Rostocker Volkstheaters bestimmen. NNN-Redakteurin Juliane Hinz sprach mit dem gebürtigen Leipziger über Sparten, Strukturreform und Theater-Lust.

Ab September 2014 sind Sie neuer Intendant des Rostocker Volkstheaters. Sie haben aber angekündigt, mit der Arbeit schon viel früher, quasi direkt, zu beginnen. Was haben Sie bislang geschafft?

Latchinian: Ich habe viele Partner bereits kennengelernt – den Betriebsrat, den jetzigen Intendanten Peter Leonard, den Kaufmännischen Geschäftsführer Stefan Rosinski, mehrere Mitarbeiter in der Verwaltung. Auch mit Oberbürgermeister Roland Methling und einigen Fraktionsspitzen habe ich gesprochen. Außerdem werde ich mit jedem der rund 300 Mitarbeiter ein 20-minütiges Gespräch führen.

Heute wird der Spielplan für 2013/14 präsentiert. Haben Sie sich in irgendeiner Form einbringen können?

Nein, das ist voll und ganz Sache meines Vorgängers und seiner Mitarbeiter. Der Fakt, dass es wahrscheinlich ein Spielplan wird, der die Monate Mai bis August noch offen lässt, hat mehrere Gründe. Zum einen die fehlende finanzielle Sicherheit, die mein Vorgänger sieht. Zum anderen natürlich auch den Intendanten-Wechsel. Das ist aber eine Routine an jedem Haus.

Das Volkstheater ist ein Vier-Sparten-Haus und noch herrscht Konsens darüber, dass dieser Zustand erhalten werden soll. Glauben Sie, dass sich ein solches Theater in einer Stadt wie Rostock trägt?

Ich denke sogar über eine fünfte Sparte Puppenspiel nach. In einer prosperierenden Stadt wie Rostock ist das in jedem Fall möglich. Meiner Meinung nach auch in einer Stadt wie Schwerin, die ich auch kenne, liebe und schätze. Möglicherweise hat es Schwerin schwerer, aus eigenen kommunalen Mitteln heraus ein Vier-Sparten-Theater zu stemmen als Rostock. Darum wäre es dennoch falsch, wenn Rostock Schwerin stemmt oder andersherum Schwerin Sparten verliert. Ich denke, Mecklenburg-Vorpommern als Armenhaus zu bezeichnen, ist nicht angebracht. Das Land könnte ein paar Millionen mehr in den Kulturhaushalt stecken.

Die Gespräche mit dem Land zur Theater-Strukturreform hat Rostock gerade abgebrochen. Was halten Sie von dieser Entscheidung?

Ich finde gut, dass die Vollfusion, die als Gefahr im politischen Raum stand, verhindert wurde. Das macht klar, es muss ein Kompromiss für alle Beteiligten gefunden werden und nicht gegen einige. Ich bin stolz, in einer so widerborstigen Hansestadt Intendant zu werden. Sollten die Gespräche ganz abreißen, wäre das allerdings jammerschade. Den möglicherweise gerissenen Gesprächsfaden möchte ich wieder aufnehmen. Es gibt meinerseits schon erste Kontakte ins Kulturministerium und umgekehrt.

Also sind Fusionen und Kooperationen nicht vom Tisch?

Die Fusion ist vom Tisch, wenn es nach mir geht. Aber Kooperationsüberlegungen sind sehr sinnvoll. Das sind Segmente der Strukturreform, die nicht nur gut gemeint sind, sondern auch gut gemacht werden könnten. Im Moment ist aber leider mehr schlecht gemacht worden.

Sie haben angekündigt, dass Sie in Rostock wieder die Lust auf Theater wecken wollen. Haben Sie da schon Vorstellungen?

Ich habe das Gefühl, im Zusammenhang mit dem Intendanten-Wechsel ist schon mehr Lust als Frust zu spüren. Da gibt es neue Ansätze, neue Energie und eine neue Art des Umgangs miteinander. Der Prozess, Frust in Lust zu verwandeln, hat begonnen. Das soll sich steigern, sich verdichten und dann künstlerische Beispiele finden. Ich habe ein spartenübergreifendes Spektakel in jeder Spielzeit versprochen. Das möchte ich unbedingt halten. Schon das ist ein Format, das Theater als Fest konzipiert und realisiert. Dabei kann man am besten verabreden, was an Schwung, Fantasie und guter Laune auf die Zuschauer des Volkstheaters zukommt, wo immer sie dann auch vermehrt herkommen werden – ob aus Rostock, dem Umland oder über die Ostsee.

Senftenberg hat im Prinzip eine ähnliche Entwicklung durchgemacht wie Rostock. Mit der Wende brach die Industrie weg, junge Leute sind massenhaft abgewandert und das hat auch das Theater zu spüren bekommen. Sie sind seit 2004 Intendant der Neuen Bühne Senftenberg. Dort haben Sie das Ruder herumgerissen. Wie haben Sie das geschafft?

Das hat etwas zu tun mit einem völlig unbefangenen Geht-nicht-gibt’s-nicht. Frust ist ja schön und gut, aber lasst uns versuchen, Lust zu kriegen und Lust zu machen. Lasst uns klotzen und nicht kleckern. Lasst uns auf die Menschen zugehen, ihre Geschichte und Geschichten auf die Bühne bringen. Lasst uns Formate wagen, die sich viel reichere Theater in größeren Städten nicht trauen. Lasst uns ungewöhnliche Signale senden. Und dann eben eine Fülle von spannenden einzelnen Angeboten im Spielplan – vom Klassiker bis zur Uraufführung. In Senftenberg ist es uns gelungen, ästhetisch nicht den fünften Schritt vor dem zweiten zu machen, sondern unser Publikum mitzunehmen. Wir haben uns in der Theaterkunst weiterentwickelt, aber parallel auch in der Zuschaukunst. So wurden immer mehr Experimente möglich. In zehn Jahren haben wir die Zuschauerzahl verdoppelt und so natürlich auch die Einnahmen. Über diese Erfolge haben wir mehr Landes- und Bundesmittel bekommen. Dass dazu noch das Haus saniert werden konnte, ist eine Begleiterscheinung.

Das klingt nach einem Haus mit Charakter. In Rostock wird immer wieder bemängelt, dass das Volkstheater seit der Wende noch kein neues Gesicht gefunden hat. Das liegt sicher auch an der hohen Zahl an Intendanten, die das Haus seit 1990 gesehen hat. Wie stellen Sie sich das Gesicht des Rostocker Volkstheaters vor?

In etwa, wie ich es gerade gezeichnet habe, sollte es aussehen. Und es sollte auch einen Neubau bekommen, in den die Belegschaft dann umzieht. Aber wir sollten nicht auf einen Neubau warten, sondern jetzt so arbeiten, als wären wir schon im Neubau. Für mich gibt es eigentlich nichts Schöneres als den Begriff Volkstheater. Der macht klar, dass er mit Demokratie zu tun hat, dass eine gewisse Einfachheit, Bescheidenheit und Direktheit gut ist für das Theater und dass das Volk der Adressat ist, aber auch das Geld gibt. Dieses Bewusstsein sollte man nie verlieren. Ich möchte ein modernes, lokal hochgradig akzeptiertes und überregional anerkanntes, neues Rostocker Volkstheater gemeinsam mit den Mitarbeitern erfinden.

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