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Seelsorge : Laager Pastor gibt Soldaten in Kabul Kraft

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Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Militärpfarrer Johannes Wolf kehrt vom fünfmonatigen Auslandseinsatz zurück und erzählt von seinen Erlebnissen in Afghanistan.

svz.de von
erstellt am 02.Jan.2014 | 23:00 Uhr

Im Juli 2013 flog Pastor Johannes Wolf vom Evangelischen Militärpfarramt Laage in seinen Auslandseinsatz nach Afghanistan. Für fast fünf Monate übernahm er das Militärpfarramt in Kabul und war somit zuständig für rund 230 Bundeswehr-Soldaten, die im Camp Qasaba und auf dem Flughafen Kabul stationiert sind.

Pastor Wolf, konnten Sie in Kabul in Uniform durch die Straßen gehen?
Wolf: Ich hab es nicht ausprobiert. Ich war zwar viel in Kabul unterwegs, aber immer nur mit Schutzweste und Helm, im gepanzerten Fahrzeug von einem Camp oder einem Termin zum anderen. Ich bin als Militärpfarrer zuständig für die Soldaten der Bundeswehr und habe das Leben in Afghanistan nur aus der Ferne oder durch Panzerglas gesehen. Die Bundeswehr lebt in einer Parallelwelt, Wenn es Kontakte zu Afghanen gibt, dann haben sie offiziellen Charakter.

Was war Ihre Aufgabe in der Seelsorge?
In den Gesprächen kommt man den Soldaten natürlich sehr nahe. Manchmal ist man einfach der Mülleimer, in den man den ganzen Frust abladen kann. Manchmal gibt es private Probleme, die aus der Trennung von der Heimat resultieren. Es gibt auch dienstliche Reibereien, bei denen ein Pfarrer seine Mediation anbieten kann. Und es gibt die Soldaten, die an militärischen Vorfällen beteiligt waren und das verarbeiten müssen. Damit haben mein evangelischer und mein katholischer Kollege in Masar-el-Sharif natürlich mehr zu tun. Aber ich hatte diese Gespräche auch und das ist nicht leicht.

Hatten Sie als Soldat und Seelsorger auch Schock-Momente?
Nein. Jedenfalls nicht mehr als bei meiner Arbeit auf dem Fliegerhorst in Laage. Aber einen Schock gab es doch: Wir haben in einem Raum des Camps Qasaba unser Kino eingerichtet und als wir eines Abends rauskamen, hörten wir überall wilde Schießereien. Es war der 11. September und wir dachten: ,Nein, bitte nicht.’ Bis ich dann im Videotext las, dass die ,Löwen’, die afghanische Fußballnationalmannschaft, gegen Indien gewonnen hatten. Damit war Afghanistan bei den Südasien-Meisterschaften erstmals Meister geworden. Wenn man in Afghanistan feiert, dann schießt man eben in die Luft. Mein Aufatmen war aber durchaus zwiespältig: Einerseits fiel mir ein Stein vom Herzen. Andererseits kam dann das Nachdenken: Wie soll es in einem Land Frieden geben, in dem die Kalaschnikow so selbstverständlich zum Alltag gehört wie hier ein Taschenmesser?

Normalität in Kabul – wie sieht das aus?
Um beim Fußball zu bleiben: Diese Südasien-Meisterschaften fanden in Nepal statt. Im August gab es aber sogar in Kabul ein heißes Freundschaftsspiel: Afghanistan gegen den Erzrivalen Pakistan. Da hat Afghanistan 3:0 gewonnen. 6000 Fans im Stadion – alles blieb friedlich! Ansonsten gibt es in Kabul alles, was man von einer Fünf-Millionen-Stadt erwarten kann. Ich war zum Kurzfilmfestival in die Technische Universität eingeladen. Es gibt Kino, Konzerte, Tanz... Davon hört man hier leider zu wenig.

Gibt es Deutsche, die in Kabul leben?
Ja, und einen hab ich auch besucht: Bruder Schorsch vom Orden der Christusträger. Er und seine Ordensbrüder kamen 1971 mit 700 D-Mark in das Land. Auch als die Sowjetunion das Land besetzt hielt und der Bürgerkrieg das Land erschütterte, kamen sie nicht nach Deutschland zurück. Sie mussten sich aber nach Kabul zurückziehen. Heute betreiben sie dort zwei kleine Kliniken für Lepra- und Tuberkulosekranke. Ich war eingeladen, eine Werkstatt der Christusträger zu besuchen, in der Windräder gebaut werden, die später den Strom für kleine Land-Ambulanzen produzieren oder für die Pumpen von Brunnen. Eine sehr effektive Hilfe für die Menschen auf dem Land.

Machen die Afghanen einen Unterschied zwischen deutschen und US-amerikanischen Truppen?
Ja. Der große gemeinsame Feind, die Besatzer – das sind die Vereinigten Staaten. Jedenfalls die Streitkräfte. Es gibt ja auch amerikanische Nichtregierungsorganisationen, die schon lange dort arbeiten. Die deutschen Soldaten werden aber nicht nur toleriert, sie sind willkommen. Es gab auch eine lange, gute Tradition der deutsch-afghanischen Beziehungen, an die man heute durchaus wieder anknüpfen kann. Man bekommt in Kabul immer wieder erzählt, dass deutsche Architekten den Palast des afghanischen Königs Amanullah erbaut haben. Dieser Amanullah-Palast ist dem Reichstag nachempfunden, Amanullah hatte ihn bei seinem Besuch in Berlin gesehen und Hindenburg schickte ihm seine Ingenieure, die übrigens beim Bau auch 700 Fachkräfte ausbildeten. Das ist bei den Menschen präsent.

Ist es gut, dass die Bundeswehr in Afghanistan ist?
Um diese Frage abschließend beantworten zu können, ist mein Einblick zu klein geblieben. Die deutschen Mentoren, die derzeit dort afghanische Polizisten und Soldaten ausbilden, leisten eine wertvolle Hilfe. Sie geben dem Land etwas, das es wirklich dringend braucht – die Möglichkeit, eine eigene öffentliche Ordnung aufzubauen und durchzusetzen. Aber ich habe auch viele Leute aus dem zivilen Bereich getroffen, die mir geschildert haben, wie es dort in den vergangenen Jahren aussah. Und da hat sich vieles getan.

Sieht es nicht nach Bürgerkrieg aus für die Zeit nach der ISAF-Mission?
Ja. Leicht wird es nicht. Vor allem, weil die Taliban von West-Pakistan aus organisiert und versorgt werden – die mehr als 2600 Kilometer lange Grenze existiert nur auf der Karte. Die kann niemand sichern. Was ich sicher weiß, ist: Es gibt Hoffnung. Vielleicht bleibt es nicht so gut, wie es im Augenblick ist. Aber es sollte besser bleiben als zu den finsteren Zeiten der Taliban-Herrschaft.

Was wird 2014 dem Land Afghanistan bringen?
Im April gibt es eine Präsidentenwahl und zeitgleich eine Wahl für die Parlamente der 34 Provinzen. Hamid Karsai kann nach zwei Wahlperioden nicht wieder antreten, aber sein Bruder Quayyum Karsai ist ein aussichtsreicher Kandidat. Er wird von den Taliban schon eher als Verhandlungspartner gesehen als Hamid. Wenn 2014 der ISAF-Einsatz beendet wird, werden wir sehen, was die afghanischen Truppen leisten können. Ich habe die Hoffnung, dass etwas bleibt von diesem relativen Frieden, den ich in Kabul gesehen habe. Diese Möglichkeit, sich durch Bildung ein eigenes Bild machen und selbstbestimmt leben zu können – das werden sich Menschen nicht noch einmal wegnehmen lassen. Jetzt wächst dort eine Generation heran, die lesen und schreiben kann. Die Taliban haben in Kabul wenig Möglichkeiten zum Anknüpfen.

Dann hat sich der ISAF-Einsatz gelohnt?
Mir ist es nicht möglich zu sagen, dass der ISAF-Einsatz gelungen ist. Dazu müsste man die Verluste dem Nutzen gegenüberstellen können. Aber wir kennen bisher nur unsere Verluste genau: 54 tote deutsche Soldaten, davon 35 im Kampf gestorben. Das sind natürlich zu viele. Den Nutzen kann dagegen niemand zählen. Weil auch niemand weiß, wie sich das Land entwickelt hätte, wenn es ISAF nicht gegeben hätte. Aber es gibt einen Nutzen. Ich habe ihn gesehen.

 

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