Rostock : Korruption auf der Spur

Mit einem Lächeln sagt Kathrin Golla „Nein!“ – auch zu kleinen Geschenken für unbescholtene Kollegen – und damit schon zum Korruptionsverdacht.
Mit einem Lächeln sagt Kathrin Golla „Nein!“ – auch zu kleinen Geschenken für unbescholtene Kollegen – und damit schon zum Korruptionsverdacht.

Kathrin Golla beugt in Stadtverwaltung vor und schützt so Mitarbeiter vor Verdacht und Verstrickungen. #wirkoennenrichtig

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27. Januar 2018, 05:00 Uhr

Die Schachtel Pralinen als Dank für den netten Umgang, die Einladung zum Firmenfest oder die Flasche Wein als Anerkennung der schnellen Bearbeitung – von Korruption lässt sich da wohl kaum sprechen. Aber in der Stadtverwaltung wird sehr vorsichtig damit umgegangen, „um erst gar keinen Verdacht aufkommen zu lassen“, sagt Kathrin Golla. Sie ist die Ansprechpartnerin für Korruptionsprävention in der Verwaltung. Seit 2002 gibt es die Stelle, die Personalcontrollerin füllt sie seit 2009 aus. Sie schult neue Auszubildende und Anwärter, berät auf Wunsch Abteilungen und Einzelne – um sie zu schützen. Von Bestechlichkeit spreche man erst, wenn das Gesetz nicht eingehalten werde. „Aber wenn man einen Vorteil annimmt, dann ist das schon Korruption, auch wenn man nicht korrupt ist“ – weil der Anschein einer Gegenleistung erweckt würde, Abhängigkeiten entstehen könnten. Es sei ein Unterschied, ob der Zahnarzt als Dank einen Strauß Blumen bekommt oder die Stadtverwaltung. „Wir haben eine Monopolstellung“, sagt die 52-Jährige – für Baugenehmigungen, Reisepässe und so weiter, die gebe nur die Stadt aus. „Wenn der Bürger zu uns kommt, dann hat er uns schon bezahlt.“ Es komme immer wieder mal vor, dass Mitarbeiter etwas geschenkt bekommen und das nicht abwenden können. Um die Weihnachtszeit brachten ältere Bürger Stollen, einige verstanden nicht, warum der Mitarbeiter das nicht annehmen kann und ließen sie liegen. Das sei natürlich eigentlich kein Problem. Aber die Wirkung, das Muster sei entscheidend. Wie sehe es denn aus, hinterfragt sie, wenn Bauunternehmer A ins Bauamt geht, dem Mitarbeiter Pralinen zusteckt und Unternehmer B das sieht. Das werfe Fragen auf: War da etwa noch ein Geldschein drin? „Ich bin da, um zu sensibilisieren.“ Dass Kollegen sie um Rat fragen, sei seltener. Durch die Informationen im Intranet und gesonderte Hinweise wie kurz vor der Hanse Sail, sei die Aufklärung sehr weit. Fünf bis sieben Mitarbeiter haben sie im Januar kontaktiert, es gebe auch Monate da meldet sich niemand.

Gerade hat Kathrin Golla Karten auf dem Tisch, die einem Mitarbeiter per Post geschickt wurden – für ein externes fachliches Seminar – in einem Konzerthaus mit Kulturprogramm. Die werden verfallen. Auch Messekarten würden im Zweifelsfall selbst gekauft, statt von einem Aussteller angenommen. Geschenke, die nicht abgewendet werden konnten oder per Post kamen, landen im Fundus, werden für den guten Zweck versteigert oder gehen in eine Tombola. Selbst wenn Mitarbeiter von Firmen zu Neujahrsempfängen eingeladen werden, können sie das nicht einfach annehmen. „Da entscheiden der Oberbürgermeister oder die Senatoren.“ Die Frage, die man sich stellen müsste, sei: „Hätte ich die Zuwendung von dem Bürger auch bekommen, wenn ich dieses Amt nicht inne hätte?“, erklärt Kathrin Golla, die ihre Position sehr ernst nimmt – wie auch OB Roland Methling (parteilos): „Korruptionsprävention ist unerlässlich für das Ansehen jeder öffentlichen Verwaltung. Sie ist ein wichtiger Beitrag für die Transparenz der Verwaltungsarbeit.“ Diese sei den Steuerzahlern gegenüber zum sorgsamsten Umgang mit den anvertrauten finanziellen Mitteln verpflichtet.



Hintergrund: Fakten und Fälle

• Kathrin Golla ist keine Ermittlerin, sondern ausschließlich für Prävention zuständig. Sie berät zu Schutzmaßnahmen wie Entscheidungen zu dokumentieren, Mehraugenprinzip, Fälle abzugeben, wenn Interessen kollidieren, ein Mitarbeiter einen Bürger privat gut kennt. Ermittlungen obliegen Rechnungsprüfungsamt oder Staatsanwaltschaft.

• Notwendig waren die, als der Chef einer städtischen Firma den Aufsichtsrat zu Dienstreisen wie nach Rom einlud oder als eine frühere Amtsleiterin von einem Investor vermehrte und auch große Geschenke annahm – wie Helikopterflug oder Hotelübernachtungen.

• Zur Prävention hat auch die Industrie- und Handelskammer beigetragen, die ein Merkblatt für Unternehmer rausgibt, zum Beispiel, dass diese keine Einladungen an Privatadressen von Mitarbeitern verschicken dürfen.

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