Krim-Konflikt : Korruption als Beginn allen Übels

Die Rostocker Politikwissenschaftlerin Dr. Ludmila Lutz-Auras ist der festen Überzeugung: „Der Ukraine steht noch ein langer Marsch durch ein Tal des Schmerzes bevor.“
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Die Rostocker Politikwissenschaftlerin Dr. Ludmila Lutz-Auras ist der festen Überzeugung: „Der Ukraine steht noch ein langer Marsch durch ein Tal des Schmerzes bevor.“

Die Politikwissenschaftlerin und gebürtige Ukrainerin Dr. Ludmila Lutz-Auras untersucht die politischen Entwicklungen in ihrer Heimat

svz.de von
04. März 2014, 10:00 Uhr

Die Lage in der Ukraine wird immer unübersichtlicher. Während viele Menschen ihr Leben riskieren und für Freiheit demonstrieren, reagiert Russland mit Aggression: 15 000 russische Soldaten besetzen die Krim. Was die Europäische Union und auch die USA nicht verstehen können, versucht die Rostocker Politikwissenschaftlerin und gebürtige Ukrainerin Dr. Ludmila Lutz-Auras zu erklären. Sie hinterfragt die politischen Entwicklungen und untersucht, warum aus scheinbar harmlosen Demonstrationen ein erbitterter Konflikt geworden ist. Dabei möchte sie auch einen Teil zur Aufklärungsarbeit beitragen und Ideen für den Kampf gegen die Korruption entwickeln.

Der abgesetzte ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch gibt dem Westen für die Krise in der Ukraine die Schuld, er und die ukrainische Bevölkerung seien betrogen worden. Lutz-Auras sieht die Gründe für die gewalttätigen Geschehnisse in Kiew rund um den Maidan, die in die Absetzung des Präsidenten und die Wahl einer Übergangsregierung mündeten, jedoch vielmehr in dem verfestigten korrupten System des Landes.

Die Rostocker Politikwissenschaftlerin geht in ihren Forschungen insbesondere der Frage nach, wie das korrupte System in der Ukraine entstanden ist und warum es alle Zweige der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft maßgeblich bestimmt. „In der Ukraine beginnt das Leben mit Korruption und endet ebenso damit. Der Arzt auf der Neugeborenenstation wird genauso mit Gefälligkeiten, also Geld und kleinen Geschenken, bedacht wie das Bestattungsunternehmen“, betont Lutz-Auras. Zwar wüssten die Menschen, dass es nicht richtig sei, doch mache es das Leben einfacher. Ein Rechtsbewusstsein sei in der Ukraine nicht vorhanden, selbst die Justiz sei korrupt. Anders als bei dem russischen Nachbarn, wo die Politiker die Oligarchen regieren, sind in der Ukraine die Politiker selbst die Oligarchen. Korruption wird von oben gesteuert. Die Expertin stellt heraus, dass sich die Ukraine mit ernsthaften Herausforderungen auseinandersetzen muss: „Die Ukraine steht vor mehreren herben Realitäten. Das sind eine marode Wirtschaft, eine desolate Finanzlage, eine innenpolitische Dauerkrise, ein niedriger Lebensstandard der Bevölkerung und schließlich eine rapide zurückgehende Bevölkerungszahl.“ Auch die neue Übergangsregierung unter Arsenij Jazenjuk werde es bis zu den Neuwahlen am 25. Mai 2014 Lutz-Auras zufolge keineswegs leicht haben, denn das Misstrauen gegenüber Politik und Wirtschaft sei groß. Deutlich brachten das die Maidan-Aktivisten zum Ausdruck. Sie forderten, dass, wer auf der Liste der 100 reichsten Ukrainer aufgeführt sei, kein Mitglied der neuen Regierung werden dürfe. Keiner der Politiker verfüge über die notwendige Glaubwürdigkeit, versichert Lutz-Auras. Ein kompletter Machtwechsel sei notwendig. Doch aus eigener Kraft schaffe das die Ukraine nicht, sie bedürfe der Hilfe und des Rückhalts aus dem Ausland. Neben finanzieller Unterstützung, die das hochverschuldete Land zweifelsohne dringend benötige, sei in dem zweitgrößten europäischen Land weiträumige Aufklärung erforderlich, um eine Bewusstseinsänderung herbeizuführen und Vertrauen wieder aufzubauen.

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