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Norddeutsche Neueste Nachrichten

18. November 2017 | 04:09 Uhr

Volkstheater : Königsmord der Kulturzerstörer

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Edward Dick inszeniert Verdis Oper „Ein Maskenball“ mit vielen Parallelen zur Situation der Rostocker Bühne.

Irgendwann im zweiten Akt kommen maskierte Männer mit Lampen auf die Bühne. Sie beleuchten von hinten das Geschehen vorn am Bühnenrand, wo das Unheil seinen Lauf nimmt, als Graf Riccardo seine Geliebte Amelia trifft und dabei von Renato ertappt wird – ihrem Mann und seinem Freund.

Die Scheinwerfer der schwarzen Hooligans da hinten im leeren Bühnenraum leuchten aber auch noch weiter, bis in den Zuschauerraum. Sie blenden das Publikum, als wollten die auf der Bühne sagen: Ihr gehört mit dazu! Dies alles geht euch auch an, und zwar ganz direkt! Weil diese leibhaftigen Kulturzerstörer schwer bewaffnet sind, ist das auch als Drohung zu verstehen. Es ist nicht schwer, die Premiere von Giuseppe Verdis Oper „Ein Maskenball“ (uraufgeführt 1859, Libretto: Antonio Somma) am Sonnabend im Volkstheater neben der eigentlichen Story auch als Parabel auf den Zustand des Theaters zu sehen: Auch das Musiktheater als eigenständige Sparte ist bedroht, insofern wurde gerade diese Premiere nach der Rückkehr des Intendanten Sewan Latchinian an seinen Arbeitsplatz mit Spannung erwartet.

Die Erwartungen wurden nicht enttäuscht: Das Geschehen fand die ganze Zeit auf einer Bühne fast ohne Kulissen statt (Ausstattung: Anna Eiermann). Mal schwebten ein paar Discokugeln von der Decke, dann einige nackte Glühbirnen. Das ist weder neu noch besonders originell, in diesem Fall aber sehr wirkungsvoll. Denn auf diese Weise lag die volle Konzentration auf denen, die Musiktheater zum Ereignis machen: den Darstellern, dem Opernchor, der Singakademie, den Statisten, den Musikern. Es bedarf keiner aufwändigen Kulisse, vielleicht braucht es nicht einmal ein neues Theater, wenn ein derart komplexes und potentes Ensemble auf der Bühne zugange ist.

Auch die Handlung von Verdis Stück spricht Bände: Ein König soll ermordet werden, und zwar während einer großen Party, einem Maskenball. Das Unheil deutet sich an, Verschwörer sind unterwegs. Aber Riccardo (Garrie Davislim) schlägt die Warnungen in den Wind, selbst als die Wahrsagerin Ulrica (Kerstin Descher) ihm den Tod voraussagt. Zu den politischen Ränkespielen im Hintergrund tritt die persönliche Verstricktheit Riccardos, indem er Amelia (Jamila Raimbekova), die Frau seines Freundes und Sekretärs Renato (Johan Hyungbong Choi) begehrt. So geht Riccardo an seinem Hedonismus, seiner Leichtgläubigkeit, seinem grenzenlosen Vertrauen in die ihn umgebenden Menschen unter. Mal ehrlich: Ist das unsympathisch?

Die Party hat eben erst begonnen, da trifft den Grafen ein tödlicher Stich. Attentäter, Volk und Schaulustige verbergen sich hinter bizarren Masken. Regisseur Edward Dick inszeniert den Grafen Riccardo als streitbaren Lebemann, ein „Großer Gatsby“ im hellen Anzug. Alles andere ist nachtschwarz, was die tragischen Elemente des Stücks in den Vordergrund rückt. Glamour und dekadenten Spaß verströmen allein Oscar (Theresa Grabner) in silbrigem Gewand, ein quirliger, heiterer Puck, und Silvano (herrlich: Maciej Idziorek) als bärtige Dame mit Pfennigabsätzen.

Die Norddeutsche Philharmonie unter Manfred Hermann Lehner liefert zum finsteren Geschehen verlässlich und zurückhaltend einen Soundtrack mit Dynamik, mit satten dramatischen Bläsern, aber auch ganz und gar zarten Passagen, etwa als Amelia noch ein letztes Mal ihren Sohn sehen möchte – da weint das Cello mit ihr. Das Ende kommt wieder wie mitten aus dem Leben. Sterbend begnadigt Riccardo seinen Freund Renato. Er bekennt, Amelia nie angerührt zu haben (das stimmt: der Bühnenkuss blieb aus!) und ermöglicht den beiden einen Abgang in Ehren. So ist schließlich alles wieder gut. Fast alles, denn etwas fehlt. Ein König, ein Intendant, ein Musiktheater. Zum Schluss reißt sich das Partyvolk dann doch noch die Masken vom Gesicht. Mit weit aufgerissenen Augen blicken die Sänger ins Publikum: Ihr seid gemeint!

Weitere Aufführungen: 20. Mai, 15 Uhr, 29. Mai, 19.30 Uhr, 7. Juni, 15 Uhr, 19. Juni, 19.30 Uhr, jeweils Großes Haus

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