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Kinderkliniken: "Struktur im Land muss sich ändern"

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erstellt am 27.Aug.2013 | 09:26 Uhr

Rostock | Die Flure in der Kinderklinik des Rostocker Universitätsklinikums sind leer. Es gibt genug Ärzte, genug Betten, aber zu wenig Patienten. Was erst mal erfreulich wirkt, bedeutet letztlich ein großes Problem, befürchtet Prof. Peter Schuff-Werner, der ärztliche Direktor der Universitätsmedizin Rostock. Den Kinderärzten, den Pädiatern, fehle die Praxis in Behandlung und Operation - und das auch schon in der Ausbildung, das bedeute auf Dauer Qualitätseinbußen in der ärztlichen Versorgung.

Seit 2001 ist Schuff-Werner schon am Klinikum, zum 1. Januar nächsten Jahres wechselt er an das Klinikum nach Augsburg, wird dort ärztlicher Vorstand. Sein Vertrag in Rostock läuft kurz zuvor aus. Die Klinikstruktur in MV ist ihm vertraut und beunruhige ihn schon länger. "Ich habe Sorge, dass wir in Zukunft nicht mehr alle Bereiche der Kinderheilkunde abdecken können", sagt Schuff-Werner sogar schon zur Situation in Rostock, in ländlicheren Kliniken sei das noch verschärfter.

Rund 200 000 Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre gibt es in Mecklenburg-Vorpommern laut statistischem Landesamt. Manche Krankheiten kommen aber nur einmal unter 1000 Patienten vor, sagt Schuff-Werner. Dementsprechend selten werden manche Krankheiten behandelt. In ganz MV gab es 2010 einen Fall von Röteln, acht Fälle von Knochentumoren und 31 von Mukoviszidose in den Kliniken, haben Schuff-Werner und ein Kollege statistisch rausgefiltert. 16 Einrichtungen sind es im Land, an denen Kinderheilkunde angesiedelt ist - so die Information vom Sozialministerium. In 15 wird auch zum Pädiater aus- beziehungsweise weitergebildet. Aber nicht nur für die Ausbildung sei die mangelnde Praxis ein Problem, auch für die Spezialisten: "Welcher Kinderchirurg behält seine Fähigkeiten, wenn er nur maximal einmal die Woche operieren kann?", wirft Schuff-Werner eine wichtige Frage auf. Fähigkeiten von Spezialisten müssten geschult werden, um sie zu behalten. Im Land gebe es keine Kinderherzchirurgie mehr. Der damalige Kollege aus Rostock habe in ein anderes Bundesland gewechselt. Die Stelle blieb unbesetzt. Ähnliche Tendenzen würden sich schon langsam in der Onkologie abzeichnen. Von der Kinder-Neurologie ganz zu schweigen: "Solche Spezialisten sind mittlerweile Goldstaub", sagt der ärztliche Vorstand der Unimedizin. Sie kommen nicht ins Land, weil zu wenig Fälle für sie da sind, erklärt er.

Bettenzahlen gehen immer weiter zurück

Abgesehen davon gehen die Bettenzahlen in den einzelnen Kinderkliniken immer weiter zurück, wie der Krankenhausplan für MV zeigt. Im aktuellen Plan von 2012, herausgegeben vom Sozialministerium, wird ein Abbau der Fachrichtung Kinderchirurgie von 56 Betten in 2010 auf 40 Betten im Jahr 2025 und in der Kinderheilkunde von 445 auf 388 Betten prognostiziert. Der Bettenbedarf wird nach der Hill-Burton-Formel berechnet, erklärt Christian Moeller, Sprecher des Sozialministeriums. Sie wird berechnet aus Einwohnerzahl, bisheriger Auslastung, der durchschnittlichen Verweildauer und der Anzahl der Krankenhausaufnahmen. Im Kern geht es darum, die Auslastung von den im Plan vorgeschriebenen 75 Prozent zu gewährleisten.

Die Bettenzahlen werden so mit den Jahren sehr wahrscheinlich weiter nach unten korrigiert, um die richtige Auslastung zu gewährleisten. Die Folge: Viele Kliniken, weniger Betten, weiterhin wenig Fälle, kein wirklicher Arbeitsbereich mehr für Spezialisten und durch ihren Wegfall Einbußen in der spezialisierten Versorgung vor Ort und in der Erfahrung der normalen Kinderärzte mit seltenen Fällen, so Schuff-Werner. "Die Vorbildung bekommt ein angehender Kinderarzt nicht, wenn er in einem Haus mit sieben Betten arbeitet", sagt Schuff-Werner.

Die Ärztekammer sieht das Problem weniger drastisch, räumt aber Schwachstellen durch aktuelle Entwicklungen ein. Den Bettenrückgang verursache wesentlich die stärkere Verlagerung der stationären Behandlung stärker zur ambulanten, so Dr. Thomas Müller, Vorstandsmitglied der Ärztekammer. Dadurch wären manche Krankheitsbilder auch nicht mehr in den Kliniken präsent. "Insgesamt ist der Rückgang der pädiatrischen Bettenzahlen eine unausweichliche Folge des medizinischen Fortschrittes und es ist müßig, das zu beklagen. Ein weiterer Grund ist der Rückgang der Geburten. Auch wandelt sich zum Teil das Spektrum der auftretenden Probleme und Krankheitsbilder", so Müller.

Zentren als Lösungsvorschlag

Die Ausbildung zum Kinderarzt in MV sieht er nach eigener Aussage nicht als gefährdet, sagt aber: "Es wird immer einen nicht unbeträchtlichen Teil des Facharztwissens geben, den der Weiterbildungsassistent niemals erlebt hat, den er aber aus Lehrbüchern erlernen muss und mit dem er irgendwann einmal in seinem Berufsleben dann doch konfrontiert werden kann." Der Weiterbildungsassitent müsste zu verantwortlichem Handeln befähigt werden, "ob es sich um ein ihm bekanntes Krankheitsbild handelt oder nicht".

Unterschieden werden muss von der Weiterbildung zum Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin die Weiterbildung zum Spezialisten, sagt Müller. Die schließt sich an die Weiterbildung zum Pädiater an. "Auch hier wird es zunehmend zu einer Verlagerung der Weiterbildung in die Spezialpraxen kommen, sobald die Finanzierung geklärt sein wird, da es auch auf den Spezialgebieten schon lange eine erhebliche Verlagerung der behandelten Fälle in die ambulante Praxis gibt."

Müller befürchtet das Wegbrechen stationärer Einrichtungen und damit längere Wege für die Patienten. Schuff-Werner schlägt vor, diesem Prozess nicht zuzusehen, sondern direkt das Potenzial zu konzentrieren - in Zentren. Sie könnten sich an den großen Klinik standorten in Rostock, Schwerin, Greifswald und Neubrandenburg bilden, so Schuff-Werner. Geklärt werden müssten die Kosten für die Anfahrt und Unterbringungsmöglichkeiten der Familie. Mit den Zentren hätten die jungen Ärzte eine gute Ausbildungs- und Weiterbildungsmöglichkeit, die Ärzte die nötige Praxis für ihre Fertigkeiten und die kleinen Patienten damit eine qualitativ hochwertige Betreuung. Und auch der Ärztekammer scheint der Grundgedanke der Zentralisierung gar nicht so fremd zu sein: "Es ist möglich, dass in nicht allzu ferner Zukunft die Spezialpraxen an die großen Kliniken angebunden sein werden. Dadurch könnte es zu einer Bündelung der personellen Kräfte und auch der erlebbaren Patienten kommen", so Müller.

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