Kind vom Balkon geworfen - Vater muss sieben Jahre in Haft

Der Angeklagte schwieg vor Gericht.
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Der Angeklagte schwieg vor Gericht.

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17. September 2012, 08:09 Uhr

Rostock | Er hat seine kleine Tochter in hohem Bogen aus dem Fenster geworfen. Den Fall in acht Meter Tiefe überlebte die Dreijährige nur durch glückliche Umstände. Für diese unfassbare Tat hat das Landgericht Rostock den Vater gestern zu einer Freiheitsstrafe von sieben Jahren verurteilt. Die Kammer sprach den 44-Jährigen des versuchten Totschlags schuldig. Der Mann nahm das Urteil ohne sichtbare Regung entgegen. Seine Verteidigerin, die auf Freispruch plädiert hatte, will das Urteil anfechten. Die Staatsanwältin hatte eine achtjährige Freiheitsstrafe gefordert.

"Als Vater hat er das besondere Vertrauensverhältnis zu seinem Kind auf schändliche Art und Weise missbraucht", sagte der Vorsitzende Richter Peter Goebels in der Urteilsbegründung. Der Mann habe seine Tochter im Januar dieses Jahres - offenbar nach einem Streit - geschnappt und über die Balkonbrüstung seiner Wohnung im dritten Stock geworfen. Dabei habe er ihren Tod in Kauf genommen. Für einen direkten Fall aus acht Metern Höhe hatte der Rechtsmediziner im Prozess eine Aufprallgeschwindigkeit von 45 Stundenkilometern errechnet. Das Kind hätte wohl keine Chance gehabt, wenn es nicht in den Zweigen eines mehr als zwei Meter entfernten Baumes gelandet wäre, die den Sturz abbremsten. Kriminaltechniker hatten in dem Geäst Fasern aus der Kleidung des Mädchens gefunden.

Dass die Kleine von selbst auf die ein Meter hohe Brüstung kletterte und dann aus dem Stand mehr als zwei Meter weit sprang, hält das Gericht für ausgeschlossen. Der Vater habe das Kind spontan aus dem Fenster geworfen. Mit Wucht, sonst wäre es nicht in den Baum gefallen. Die Dreijährige habe ihr Überleben allein dem Zufall zu verdanken. Sie hatte Abschürfungen am ganzen Körper erlitten, aber keine inneren Verletzungen. Einer Zeugin, die das weinende Mädchen auf dem Rasen fand, hatten sich die Worte des Kindes fest eingeprägt: "Papa vom Balkon geschmeißt". Das Mädchen habe die Wahrheit gesagt. "Daran haben wir keinen Zweifel", betonte der Richter.

Der Angeklagte selbst machte im Prozess keine Angaben. In einer früheren Vernehmung hatte er gesagt, er habe keine Erinnerung an den Vorfall. Er sei eingeschlafen und mit einem Zuckerschock erwacht, als das Kind bereits weg war. "Das war eine reine Schutzbehauptung", sagte der Richter. Der Angeklagte sei zwar Diabetiker, aber mit diesen Angaben habe er von Anfang an nur eine "Prozess-Strategie" verfolgt. "Aus Angst vor den Konsequenzen", ist die Kammer überzeugt.

Das Gericht hat sich beim Urteil unter anderem auf Zeugenaussagen, zwei Termine am Tatort und auf Gutachter gestützt. Nachbarn im Rostocker Plattenbauviertel Groß Klein hatten von Krach aus der Wohnung unmittelbar vor dem Balkonsturz berichtet. "Schreien, Schimpfen, Möbelrücken, Türknallen", erinnerte der Richter gestern. Sachverständige hatten die Verletzungen des Kindes eindeutig dem Sturz vom Balkon zugeordnet. Einen Zuckerschock beim Vater schlossen sie aus.

Der gelernte Maler, unter anderem wegen Betruges vorbestraft, sitzt seit der Tat in Untersuchungshaft. Während der Verhandlung hatte er sich nicht immer im Griff. Zweimal, so führte der Richter an, sei er aus nichtigem Anlass ausgerastet. Aber psychisch krank sei er nicht, sondern voll schuldfähig. Der Mann, der seit einem Autounfall eine Rente bezieht, hatte nach der Trennung von seiner Lebensgefährtin die gemeinsame Tochter regelmäßig betreut. So auch im Januar, als das Kind krank war und die Mutter arbeiten musste. Nachbarn und Angehörige hatten von einem "liebevollen Umgang" des Vaters mit der Tochter berichtet. Was letztendlich zu dem verhängnisvollen "Ausraster" führte, blieb unklar.

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