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Prozess wegen Vergewaltigung beginnt im Schweriner Landgericht : Keine Privatsache: Gewalt in der Ehe

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Kurt M.* soll seine von ihm getrennt lebende Ehefrau in einer Nacht viermal vergewaltigt haben. Der 59-Jährige wurde gestern zu Prozessbeginn ausgiebig über das befragt, was er sicher gern im Privaten gelassen hätte.

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erstellt am 07.Dez.2011 | 11:19 Uhr

Schwerin | Was in der Ehe passiert, ist Privatsache. Aber manchmal wird das Private öffentlich. Zum Beispiel dann, wenn eine Grenze überschritten wird. Kurt M.* hat diese Grenze offenbar überschritten. Er soll seine von ihm getrennt lebende Ehefrau in einer Nacht viermal vergewaltigt haben. Die Blutergüsse auf ihrem Körper sind fotografiert und die Aufnahmen in die Gerichtsakten gelegt worden. Die Frau hat bei Polizei und Staatsanwaltschaft detailliert ausgesagt. Auf ihren Angaben beruht im Wesentlichen die Anklage. Und so wurde der 59-Jährige gestern zu Prozessbeginn im Schweriner Landgericht in öffentlicher Verhandlung ausgiebig über das befragt, was er sicher gern im Privaten gelassen hätte - seine Ehe, seine Sexualpraktiken, sein Liebesleben.

Er schäme sich, sagt der Familienvater. Und bereue alles. Rund fünf Monate sitzt er wegen dieser Sache in Untersuchungshaft, das erste Mal in seinem Leben. Jetzt will er umfassend Auskunft geben und alle Fragen beantworten. Sein Verteidiger Ralph Oliver Schürmann weiß, dass ein glaubhaftes Geständnis ein Gericht milder stimmt. "Wir brauchen jeden Pluspunkt", sagt er. Schließlich droht seinem Mandanten eine empfindliche Haftstrafe. Der hatte in früheren Vernehmungen noch von "einvernehmlichem Geschlechtsverkehr" gesprochen.

Heute räumt er ein: "Sie hat nein gesagt und sich mit aller Kraft gewehrt." Und er sagt auch: "Ich liebe meine Frau immer noch. Ich wollte sie nicht erniedrigen. Ich war selbst erschrocken". Schon Jahre zuvor hatte sie sich von ihm getrennt. Das macht ihm zu schaffen. Der Kontakt reißt nie ganz ab. Und offenbar hegt er immer noch irgendwie die Hoffnung, dass alles wieder ins Lot kommen könnte. Doch dann erzählt sie ihm von einem neuen Partner. Das kann er nicht akzeptieren. Er sucht sie nur wenige Tage später in ihrer Wohnung auf. Sie reden, dann soll er gehen, aber das tut er nicht. Stattdessen kommt es in dieser Nacht zum Gewaltausbruch. "Er wollte wohl ein Zeichen setzen, dass sie seine Frau ist. Den Besitz anzeigen, du bist Mein", schildert der Rechtsanwalt ein mögliches Motiv. Kurt W. nickt zögerlich.

Noch vor 14 Jahren war Vergewaltigung in der Ehe tatsächlich mehr oder weniger Privatsache. Erst seit 1997 drohen gewalttätigen Ehemännern, die ihre Frauen zum Geschlechtsverkehr zwingen, deutlich höhere Strafen, angefangen bei zwei Jahren. Schätzungen gehen davon aus, dass jede vierte Frau in Deutschland zwischen 16 und 85 Jahren bereits einmal von ihrem Partner körperlich oder sexuell misshandelt wurden. Die Dunkelziffer ist groß, denn schließlich muss auch das Opfer sehr Intimes preisgeben.

"Es wird Ihrer Frau sicher auch unangenehm sein, hier auszusagen", stellt Staatsanwältin Birka Krüger fest. Ruhig aber bestimmt hakt sie nach. Wo hat er sie festgehalten? Wie hat sie sich gewehrt? Wann hat er sie wie wohin gelegt? Wirklich "gelegt", wie er sich ausdrückt oder doch eher geworfen, wie sie angab? Staatsanwaltschaft und Gericht müssen es genau wissen, um zu einem angemessenen Urteil zu kommen. Kurt W. antwortet nicht gern, aber er antwortet. Und erspart damit seiner Frau wohl doch die peinlich genaue Befragung zu den Tatdetails vor Gericht. Das Urteil soll noch im Dezember gesprochen werden.

*Name geändert

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