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Karl Ruwoldt entkam 1945 knapp der Brücken-Explosion

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erstellt am 21.Nov.2011 | 08:54 Uhr

Rostock | "Mein Vater war der Letzte auf der Brücke", erzählt Thomas Ruwoldt. Der Leipziger hat von Verwandten vom Panzerfund am Mühlendamm in der vergangenen Woche erfahren - und sich sofort an die Geschichte seines Vaters Karl-Jürgen Ruwoldt erinnert.

Er war als 23-Jähriger im Frühjahr 1945 auf Genesungsurlaub bei seiner Familie in Brinckmansdorf, weil er zuvor in Belgien verwundet worden war. Als er sich am 1. Mai auf den Weg aus der Stadt raus zu Verwandten machte, traf er noch auf seine Mutter. "Am Morgen war meine Großmutter in der Stadt. Sie sagte zu meinem Vater: ,Guck mal, ich hab noch grüne Heringe bekommen.’" Karl-Jürgen hatte später seinem Sohn Thomas die Geschichte immer wieder genau berichtet. Der junge Soldat sprach noch kurz mit seiner Mutter und verabschiedete sich dann von ihr. Er war schon spät dran. An der Brücke am heutigen Mühlendamm angelangt, traf der gelernte Lokomotivschlosser auf einen Warnemünder Polizeioffizier. "Loop, loop, ich müsst die Brücke hochjagen", soll der gerufen haben. "Mein Vater verfiel beim Erzählen immer mal wieder ins Plattdeutsche", sagt Ruwoldt. "Er lief über die Brücke, ist über den Damm rüber, war noch nicht ganz runter, da wurde sie schon gesprengt" - und mit ihr der Panzer. Von der Wucht wurde er noch ein Stück in die Büsche geschleudert. Karl-Jürgen Ruwoldt blieb unverletzt, musste wieder den Dienst antreten. Später geriet er in Kriegsgefangenschaft, wurde 1946 wieder entlassen. "Mein Vater hatte gesagt, dass der Panzer ’46 noch da lag", erzählt Thomas Ruwoldt. Er hätte nicht gedacht, dass der Panzer bis vor Kurzem noch unter der Erde bei der Warnow lag. Nachdem der Panzer am vergangenen Donnerstag vom Munitionsbergungsdienst geborgen worden war, befindet er sich jetzt in Jessenitz bei Schwerin. "Es waren Kampfmittel im Turm eingeklemmt, deswegen konnte er noch nicht freigegeben werden", sagt Marion Schlender, Sprecherin des Innenministeriums. Wenn sie entfernt sind, könne eine so genannte Kampfmittelfreiheit erteilt werden. "Es ist auch eine spannende Frage, ob die andere Hälfte des Panzers auf der anderen Straßenseite gefunden wird", sagt Heiko Tiburtius, Leiter des Rostocker Tief- und Hafenbauamts. Seine Männer werden ab dem 5. Dezember weitere Bauarbeiten am Mühlendamm vornehmen und so vielleicht auf die dort vermutete Wanne stoßen.

Die Geschichte des Panzers beschäftigt auch die Rostocker. Wolfgang Bründels Schicksal verknüpft sich mit der Kriegsgeschichte. "Ich war neun Jahre alt, als die Brücke gesprengt wurde", erzählt der ehemalige Messtechniker. Er und seine Familie sahen die Explosion von Dierkow aus. "Wir haben noch gesehen, wie der Panzer auf den Marienturm schoss", erzählt er. Sie hatten große Angst, suchten Schutz in einem Bunker.

Gerhard Wittig war bei der Marine-Infanterie. Er sah die gesprengte Brücke und die Panzerreste am 9. Mai. "Das war der Tag meiner Heimkehr aus dem Zweiten Weltkrieg", sagt er. Rostock lag in Schutt und Asche. Das Wohnhaus des 17-Jährigen und seiner Familie stand noch, die Eltern waren wohlauf. "Was an der Brücke passiert ist, habe ich erst Wochen später von Freunden erfahren", erzählt Wittig. Heute lebt der ehemalige Apotheker bei Thüringen. Der Panzerfund erinnert ihn an die tragischen Ereignisse des Krieges und daran, wie viel Glück er hatte, sie überlebt zu haben.

Sowjet-Panzer T34: Die Bergung

Der Munitionsbergungsdienst hat am vergangenen Donnerstag den Panzer aus dem Warnowschlamm auf der linken Seite in Fahrtrichtung Rostocker Innenstadt geborgen. Bauarbeiter vom Tief- und Hafenbauamt hatten ihn am Vortag bei ihren Sanierungsarbeiten an der Brücke am Mühlendamm entdeckt und den Munitionsbergungsdienst benachrichtigt.

Nach Angaben des Chef-Militärtechnikers des Militärhistorischen Museums aus Dresden handelt es sich beim Panzerturm um einen T-34/85 des Baujahres 1944. Das Kaliber des Kanonenrohrs beträgt 85 Millimeter. So schlussfolgerte der Techniker auf den Typus. Es ist von einer Standardbesatzung von drei bis vier Männern auszugehen – einem Fahrer, einem Kommandanten, einem Richtschützen und eventuell einem weiteren Soldaten. Die Kriegsgräberfürsorge prüft aktuell die Identität der Person beziehungsweise Personen, deren Knochen im Turm des Panzers gefunden wurden. Was sonst ein Jahr dauert, soll nun wesentlich schneller erfolgen.

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