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25. November 2017 | 01:20 Uhr

Jurastudium ohne Berufs-Perspektive

vom

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erstellt am 21.Feb.2012 | 09:19 Uhr

Rostock | Seit drei Semestern experimentiert die Universität Rostock mit dem Studiengang "Good Governance". In ihm werden Juristen ausgebildet, die ein interdisziplinäres Studium mit dem akademischen Abschluss Bachelor of Law anstreben. Ein Novum in der deutschen Universitätswelt. Doch die Einzigartigkeit des Studiengangs könnte zum Problem werden - potenzielle Arbeitgeber schreckt das Unbekannte ab.

Denn wenngleich der Bachelor of Law zwar internationale Anerkennung erfährt, berechtigt er nicht dazu, in Deutschland einen klassischen juristischen Beruf wie Anwalt oder Richter zu ergreifen. Diese verlangen nach wie vor ein Studium der Rechtswissenschaften mit dem Abschluss des Staatsexamens. Daher reißt auch die Kritik an der fehlenden Zweckmäßigkeit des neuen Rostocker Bachelor of Law nicht ab. Dass einige Studenten ihr Studium aufgrund der Perspektivlosigkeit bereits abgebrochen haben, verdeutlicht die schwierige Lage.

Dabei sind die Ziele nach wie vor aktuell: "Der Wunsch nach universaler, interdisziplinärer Bildung ist bei vielen Studenten gegeben. Diesen Blick wollen wir fördern", sagt Prof. Jörg Benedict, Dekan der Juristischen Fakultät der Universität Rostock. Bei den Studenten komme das Angebot gut an, wie unter anderem die hohe Nachfrage aus den alten Bundesländern verdeutliche.

Unklare Aussichten machen Angebot unattraktiv

Benedict betont die richtige Konzeption des Studienganges, welcher die Teilbereiche Rechts-, Wirtschafts- und Politikwissenschaft sowie Philosophie und Soziologie verknüpft - eine Interdisziplinarität, die die Einzelstudiengänge nicht bieten können. Viele Arbeitgeber aber haben keine Vorstellung, ob sie es nun mit einem Gesellschafts-, Wirtschafts- oder Rechtswissenschaftler zu tun haben. Daher wurden zuletzt schon Bewerber um Praktikumsstellen abgelehnt. Auch die von der Fakultät vorgeschlagenen späteren Berufe wie Steuerberater oder Notariatsmitarbeiter beruhen eigentlich auf einer nicht-universitären Ausbildung. Benedict betont aber, dass die Absolventen des Studiengangs aufgrund ihrer umfassenden Bildung weitreichende Karrieremöglichkeiten haben. Es handle sich im Gegensatz zum Staatsexamen um eine Art der Ausbildung, die nicht nur Wissen, sondern auch Zusammenhänge und rechtsgestaltende Methoden vermittele.

Aufgrund der Praxisferne des Staatsexamens fordert Benedict bereits seit einiger Zeit ein Überdenken des Systems. Denn es zwinge Juristen zum Staatsexamen und halte nationale und internationale berufsorientiertere Absolventen mit den Abschlüssen Bachelor beziehungsweise Master of Law vom Arbeitsmarkt fern. Das häufig vorgebrachte Argument der Qualitätssicherung sei also nur ein Vorwand, ausländische Konkurrenten vom Arbeitsmarkt fernzuhalten, sagt der Kritiker.

Voraussetzungen für Zulassung werden überdacht

"Good Governance" soll demnach als Speerspitze einer langwierigen Entwicklung gegen die Pflicht zum Staatsexamen dienen. Benedicts Vorstoß wird schon von hoch angesehenen Kollegen wie dem Präsidenten des Deutschen Anwaltsvereins (DAV), Prof. Dr. Wolfgang Ewer, unterstützt. Besonders bei konservativeren Juristen stößt der Vorschlag aber meist auf taube Ohren. Aus diesem Grund fühlen sich einige Studenten weniger als Pioniere, sondern eher als Versuchskaninchen. Viele haben das Studium mit großen Erwartungen angetreten, wurden aber bereits früh von der Realität eingeholt: Der Bachelor of Law erfährt in Deutschland bisher kaum Anerkennung und ein Ende dieses Missstandes ist nicht abzusehen. So werden viele Studenten nach ihrem Abschluss wohl doch gezwungen sein, ihr Staatsexamen an anderen Universitäten nachzuholen.

Für jene, die diesen Weg nicht gehen wollen, arbeitet die Fakultät derzeit an der Einführung eines aufbauenden Master-Studienganges, welcher rechtsgestaltende Inhalte statt schlichtes Wissen über Gesetze vermitteln soll. Wann das Programm aber starten soll, ist momentan noch völlig unklar.

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