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16. Dezember 2017 | 04:42 Uhr

Jonas stiller Start ins Leben

vom

svz.de von
erstellt am 25.Jan.2012 | 10:22 Uhr

Rostock | Mit jeder Sekunde klopft das Herz von Sabine Herzog schneller. Auf der ganzen Station ist der Alarm zu hören. Sie muss sich beeilen. Eine grün-rote Lampe blinkt im Dauertakt. Die Kinderkrankenschwester macht sich auf den Weg in das Erdgeschoss, sieben Stockwerke tiefer. Dort befindet sich das Babyfenster. Jemand hat etwas hineingelegt, zumindest wurde die Tür geöffnet. Im Fahrstuhl geht Sabine Herzog alle möglichen Szenarios noch einmal durch. Ist es ein Baby? Wenn ja, lebt es?

Schon oft musste sie diesen Weg gehen, sich beeilen, alle Vorkehrungen treffen. Meist war es ein Fehlalarm. Auch diesmal, an einem warmen Frühlingstag zur Mittagszeit, kann sie es nicht glauben, dass jemand sein Kind abgegeben hat. Als sie den Vorhang zur Seite zieht, weiß sie, dass sie sich geirrt hat. Ein Säugling liegt darin, nur in einem Handtuch eingewickelt. Er schreit nicht.

Pfleger geben dem Kleinen einen Namen

Gemeinsam mit einem Arzt bringt die Kinderkrankenschwester den nackten Säugling auf die Neugeborenen-Station. Es ist ein Junge. Er muss untersucht werden. Wie lange er schon auf der Welt ist, wissen die Ärzte nicht. Aber er lebt. Um das Kind weiter betreuen zu können, braucht es einen Namen. Sabine Herzog und ihre Kolleginnen überlegen nicht lange. Der Kleine soll Jonas heißen.

Die Kinderkrankenschwester ist selbst Mutter von zwei Kindern. Ein Kind in ein Babyfenster zu legen, käme für sie nie infrage, aber das sei ein schwieriges Thema. Gedacht sind die Babyfenster vor allem für verzweifelte Mütter, die anonym bleiben wollen und die keinen anderen Ausweg sehen. Im Rostocker Südstadtklinikum gibt es die Einrichtung seit 2006. Hinter einer Hecke gut versteckt, aber dennoch zu erreichen, befindet sich das Fenster. Bis heute sind vier Kinder abgegeben worden. Wie oft der Alarm seit der Einführung durch neugierige Besucher ausgelöst wurde, können die Schwestern und Ärzte schon gar nicht mehr zählen.

Erst am vergangenen Sonntag, gegen 18 Uhr, läuft Sabine Herzog den Weg zum Babyfenster ins Erdgeschoss. Und wieder bekommt sie Herzklopfen. "Es ist immer das gleiche mulmige Gefühl", sagt sie. Der schlimmste Moment ist für sie, wenn sie den Vorhang öffnet.

Personal wird zum Elternersatz

Eine ganze Weile liegt Jonas also auf der Kinderstation, bevor das Jugendamt den Kleinen in eine Pflegefamilie gibt. Innerhalb kürzester Zeit wird er so etwas wie das Lieblingskind für Sabine Herzog auf der Station, denn die beiden verbindet nun etwas Besonderes. "Es ist einfach anders, wenn ich in einen Kreißsaal gehe und dort ein Kind geboren wird", erklärt sie. Noch lange danach muss sie an den Fund denken, denn Jonas ist für alle ein ganz besonders niedliches Baby.

Oft passiert es sogar, dass die Schwestern, Pfleger oder Ärzte die Findelkinder auf die Brust nehmen, um Hautkontakt herzustellen und so wie ein Elternersatz zu sein. Ist das Kind erst einmal bei Pflegeeltern, hat auch die Klinik keinen Kontakt mehr zu dem Kind. Melden sich die leiblichen Eltern nach den acht Wochen nicht, wird das Kind offiziell zur Adoption freigegeben.

"Ich weiß nicht, wo genau Jonas heute lebt, aber ich weiß, dass es ihm gut geht", sagt Sabine Herzog. Der Fund ist nun mehr als ein Jahr her. Seine neuen Eltern haben der Klinik vor Kurzem eine Karte geschickt. Das war zu seinem Geburtstag - der Tag, an dem er von Sabine Herzog gefunden wurde.

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