Ruderin Marie-Louise Dräger : „Jetzt musst du es machen“

Daumen hoch für die Rückkehr zum Leistungs-Rudern: Marie-Louise Dräger.
Daumen hoch für die Rückkehr zum Leistungs-Rudern: Marie-Louise Dräger.

Marie-Louise Dräger im Interview über ihr überraschendes Comeback, ihren Vereinswechsel und ihren ersten Marathonlauf

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08. Dezember 2017, 11:50 Uhr

Birgit Fischer, die Grande Dame des Kanurennsports, beendete erst mit 50 endgültig ihre Karriere, Eisschnelllauf-Legende Claudia Pechstein strebt mit 45 ihren siebenten Olympischen Spielen entgegen – und jetzt kommt die Rostocker Top-Ruderin Marie-Louise Dräger, die als dann 39-Jährige – also vergleichsweise „Jugendliche“ – an Olympia 2020 in Tokio teilzunehmen gedenkt. Und das als im Schichtdienst voll
berufstätige alleinerziehende Mutter eines Sohnes im Kindergartenalter! Im Exklusiv-Interview mit NNN-Redakteur Peter Richter erklärt sie, was sie zu ihrem neuerlichen Comeback bewogen hat und wie das funktionieren soll.


Frau Dräger, Sie hatten im Januar mit dem Leistungssport aufgehört. Warum?

Marie-Louise Dräger: Ich war unzufrieden mit der Situation um meinen Trainer Meinhard Rahn, dass er zum Bundesstützpunkt Hamburg wechseln musste und nicht hier im Land gehalten werden konnte. Auch finanzielle Gründe spielten eine Rolle: Wegen des elften Platzes im Doppelzweier bei Olympia 2016 fiel die Förderung der Stiftung Deutsche Sporthilfe weg, und trotz meiner Tätigkeit bei der Polizei muss ich als alleinerziehende Mutter jeden Groschen umdrehen. Ich bin aus dem ORC ausgetreten, einfach um komplett vom Sport wegzukommen. Es hat dann auch keiner mehr nachgefragt, niemand kam auf mich zu. Das hat mich schon enttäuscht. Aber ich verdanke dem Verein sehr viel. Die Leute dort unterstützten mich über 20 Jahre, ich trug das Kürzel ORC auf dem Rücken, auf der Brust, auf dem Kopf – je nachdem, wo es gerade stand –, und ich hoffe, dass mir der Wechsel zur Schweriner Rudergesellschaft von 1874/75 nicht verübelt wird und dass wir wieder ins Gespräch kommen.


Wieso überhaupt Schwerin? Wäre der Rostocker Ruder-Club, für den Sie ja einst auch starteten, keine Option gewesen?

Stimmt, beim RRC war ich auch mal ein Jahr. Mit Schwerin hat sich das so ergeben: Ich kenne Hannes Ocik (der Schlagmann des Weltmeister-Achters startet ebenfalls für Schwerin, ist aber Rostocker – d. Red.), ich kenne seine Mutter Martina (war eine sehr erfolgreiche Flossenschwimmerin und Orientierungstaucherin – d. Red.), und da hatte ich mich mal erkundigt, als der Gedanke an ein Comeback noch gar nicht da war. Ich wollte nur wieder in einen Verein, um zum Beispiel an Ergometer-Wettkämpfen teilnehmen zu können. Und jetzt sehe ich das auch als Symbol: der Neustart im neuen Verein.


Es ist bereits Ihr zweites Comeback…

Ja. 2013 hatte ich schon einmal aus familiären Gründen meine Laufbahn eigentlich beendet. Ich stand plötzlich allein mit dem neugeborenen Kind da und musste mir erst mal Gedanken machen.


Es folgte die Rückkehr nebst Olympia-Teilnahme 2016 in Rio de Janeiro, bevor Sie, wie schon erwähnt, Anfang 2017 zum zweiten Mal aufhörten und nun erneut anfangen. Was hat zu Ihrem Entschluss geführt?

Ich habe die Ergebnisse bei den Weltmeisterschaften gesehen. Die waren nicht so berauschend. Da dachte ich nur, du kannst dich nicht hängen lassen, so kannst du doch nicht abtreten. Als meine Mutti Birgit das mitbekam, hat sie gesagt: Wenn du meinst, dann ist es jetzt kein schlechter Zeitpunkt für einen kompletten Neustart.


An der Fitness wird es mit Sicherheit nicht scheitern.

Nein. Ich habe mich das ganze Jahr über fit gehalten, Krafttraining gemacht, verschiedene Fitnessprogramme absolviert, mich dabei hier am MV-Olympiastützpunkt in Rostock quasi als Versuchskaninchen zur Verfügung gestellt, bin viel am Ruder-Ergometer. Und ich probierte mich verstärkt im Laufen aus auf einer schönen Zwölf-Kilometer-Runde in Mönkweden-Vorweden. Ich habe sogar versucht, einen Marathon anzugehen.


Und, sind Sie ihn angegangen?

Ja, ich bin am 8. Oktober beim Stadtwerke Lübeck Marathon gestartet, musste aber nach Kilometer 25 aufhören, weil ich solche Blasen unter den Füßen hatte, dass es einfach nicht mehr ging.


Wer Sie ein bisschen kennt, weiß, dass Sie sich damit garantiert nicht zufrieden geben.

Mit Sicherheit versuche ich das noch mal. Kampflos gebe ich nicht auf, nur weil die Füße nicht mitgespielt haben. Ich hätte das sonst durchgehalten.


Gerudert sind Sie allerdings 2017 bislang eher wenig. Wann saßen Sie zuletzt im Boot?

Das ist noch gar nicht so lange her – als ich am Trainings-Wochenende des Deutschen Ruderverbandes in Ratzeburg teilnahm. Das erste Mal wieder im Boot saß ich Halloween, also am 31. Oktober, einfach um mal zu gucken. Nachdem ich spontan im Internet einen Aufruf gestartet hatte, ob mir jemand ein Boot zur Verfügung stellen könnte, meldete sich Trainer Björn Lötsch von meinem Lübecker Heimatverein und meinte, komm erst mal her und setz dich rein. Es war nicht wie immer, aber auch nicht, als hätte ich viel verlernt. Er meinte jedenfalls, es sieht rund aus. So bin ich also wie früher die Trave hoch und runter, hatte Spaß dabei und wusste endgültig: Jetzt musst du es machen.


Sie sind ja auch schon wieder einen Wettkampf gefahren?

Ja, ich habe in Berlin bei der Langstrecke auf dem Hohenzollernkanal mitgemacht, bin dort im Doppelzweier mit U23-Kader Sophia Krause aus Limburg Zweite geworden – mit acht Zehntelsekunden Rückstand zum Sieger. Das ist auf sechs Kilometern praktisch nichts.


Wieviel Trainingseinheiten auf dem Wasser haben Sie mittlerweile wieder absolviert?

Sieben. Im Jahr würde ich sonst auf bestimmt 1000 Einheiten kommen, zwei- oder dreimal täglich raus, im Mittel 75 Minuten pro Einheit. Anders ausgedrückt: Im Moment bin ich bei 500 bis allerhöchstens 900 Minuten Training in der Woche, eher 500. Für Leistungssportler wären 1400
normal.


Hat sich das Problem mit dem Boot geklärt?

Ja. Marc Krömer, der Vertreter des italienischen Bootsherstellers Filippi in Deutschland, hat sich bei mir gemeldet und gesagt, wenn du es wirklich noch mal wissen willst, kriegst du von uns ein Boot bis 2020. Jetzt ist es im Bau, Weihnachten soll es fertig sein.


Und dann kehren Sie nach Kessin zurück? Das Boot muss ja irgendwo „aufbewahrt“ werden…

Das ist noch nicht abschließend geklärt. Ich hoffe, dass sie beim ORC so offen sind und mich bootstechnisch wieder aufnehmen.


Bleibt die alles entscheidende Frage: Sie sind als Polizeimeisterin voll berufstätig mit Spät- und Nachtdienst, haben Mutter-Pflichten – wie glauben Sie das mit Leistungssport vereinbaren zu können?

Der Antrag, wieder in die Sportfördergruppe aufgenommen zu werden, läuft. Gestern (Mittwoch – d. Red.) habe ich die mündliche Zusage bekommen. Bei der Schutzpolizei in der Ulmenstraße haben wir einen rotierenden Schichtplan. So kann man ganz genau planen. Im Moment arbeite ich voll und trainiere nebenbei. Für den Leistungssport müsste es umgekehrt sein, wobei ich natürlich dafür Sorge tragen muss, dass ich polizeirechtlich auf der Höhe bleibe, dass ich das nicht aus den Augen verliere. Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass ich eine gute, starke Dienstgruppe habe, mit der es Spaß macht zu arbeiten und die komplett hinter meinen Plänen steht. Und natürlich bin ich, vor allem, was meinen „Gartenzwerg“ betrifft, auf die Hilfe meiner Mutti angewiesen.

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