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Howard Carpendale im Interview : „Im Grunde ist unser System falsch“

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Er ist einer der erfolgreichsten Sängern in Deutschland - Howard Carpendale. Vor seinem Konzert am 10. November in Rostock hat Christoph Forsthoff mit Carpendale gesprochen.

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erstellt am 07.Nov.2011 | 08:54 Uhr

Rostock | Superstar, Legende gar? Nein, diese Attribute weist Howard Carpendale weit von sich. "Ich habe eine tolle Karriere gemacht und die Leute werden meine Musik ab und zu noch hören, wenn ich nicht mehr da bin - Legenden aber verändern unsere Welt, so wie Elvis oder Michael Jackson." Große Töne sind nicht Sache des gebürtigen Südafrikaners: Mag der leidenschaftliche Golfer auch zu den erfolgreichsten Sängern in Deutschland gehören - von der selbstverliebten Überheblichkeit mancher Kollegen ist der 65-Jährige weit entfernt. Vor seinem Konzert am 10. November in Rostock hat Christoph Forsthoff mit Carpendale gesprochen.

Im kommenden Jahr steigen die Renten in Deutschland so kräftig wie schon seit Jahren nicht mehr - freut Sie das, Herr Carpendale? Immerhin sind Sie inzwischen auch 65 und damit im Rentenalter…

Das betrifft mich nicht - ich bekomme keine Rente. Als Selbständiger muss das, was ich verdiene, für später reichen.

Aber Sie haben sicher genug zurückgelegt, um beizeiten über einen Ruhestand nachdenken zu können?

In der heutigen Zeit wissen wir alle nicht, ob genug zurückgelegt ist… Die Leute gucken alle aufs Geld und machen sich Sorgen. Ich merke das auch bei meinen Konzerten: Heute ist kein Künstler mehr restlos ausverkauft. Es sind unberechenbare und verrückte Zeiten…

Sie sprechen von der Finanz- und Wirtschaftskrise…

In den USA stöhnen die Reichen ständig, sie würden zu viel Steuer zahlen. Ich habe denen gesagt: Ihr gebt Euch immer so patriotisch - jetzt werdet Ihr gebraucht, und das Einzige, woran ihr denkt, sind geringere Steuern! Das kann doch nicht sein, denn ihr zahlt ohnehin wenig Steuern!

Nun, auch in Deutschland sind Steuersenkungen ein Lieblingsthema…

Aber es ist doch absurd, sich gerade jetzt um Steuersenkungen zu kümmern wie die FDP! Helmut Schmidt hat jüngst gesagt: Der Job eines Politikers sei es, sein Volk zu befrieden - doch im Moment machen die uns alle nur bekloppt. Die Politiker schmeißen mit den Begriffen Millionen und Billionen um sich, als ob das nichts wäre! Eine Million Sekunden sind 11 Tage, eine Billion Sekunden 32 000 Jahre - das muss man sich doch mal klarmachen. Mich regt Unwissen auf, besonders in diesen Zeiten und vor allem bei Menschen, die es besser wissen müssten.

Andererseits zeigt aktuell die "Occupy Wallstreet"-Bewegung, dass sich sehr wohl immer mehr Menschen Gedanken machen, dass in dieser Welt etwas falsch läuft.

Die Bewegung wird sicher an Stärke gewinnen, wenn klar wird, dass im Grunde unser System falsch ist: Es kann doch nicht sein, dass ich zwei-, dreimal in der Woche Anrufe von Banken bekomme mit der Empfehlung, gegen Aktien zu wetten und auf fallende Aktien zu setzen. Das kann ich nicht!

So banal es klingt - Geld regiert die Welt.

Natürlich ist Geld ein notwendiges Übel, und wir müssen damit umgehen. Aber ich habe bis heute nicht kapiert, warum ein Mensch mehr als 100 Millionen haben muss: Was will er damit machen? Es kann doch nicht sein, dass die halbe Weltbevölkerung verhungert, während solch ein Multimillionär gar nicht weiß, was er mit dem Geld anfangen soll. Wie kann ein Sportler wie Tiger Woods mehr als eine Milliarde Dollar verdienen? Ich liebe Golf, aber es ist keine Milliarde wert.

Das klingt ja fast, als würden Sie der Umverteilung das Wort reden.

Natürlich muss eine Umverteilung begründet sein. Momentan etwa reichen wir in der Euro-Zone das Geld an ein Land weiter, das nie seinen Pflichten nachgekommen ist, sich noch nicht einmal um die Eintreibung der Steuern gekümmert hat. Wir haben da in der Währungsunion Länder zusammengeholt, die dort überhaupt nicht hingehören - und nun bezahlen wir mit unseren Steuergeldern die Zeche. Ich will nicht populistisch argumentieren, aber verdammt nochmal, das mit Griechenland stimmt.

Nur hängt da Europas Zukunft dran.

Das ist nicht wahr. Griechenland trägt gerade mal 2,4 Prozent zur europäischen Wirtschaftsleistung bei. Nein, die Regierung wollte unseren Banken helfen, denn die haben Griechenland Geld geliehen. Doch wenn eine Bank schlechte Geschäfte macht, dann soll sie auch dafür bezahlen. Das müssen wir Bürger doch auch. Es ist doch Unsinn zu behaupten, Griechenland pleitegehen zu lassen, würde das Ende von Europa bedeuten - Argentinien ist auch pleitegegangen, und heute blüht das Land wieder.

Sie fürchten also, mit dem jetzigen Rettungsplan wird alles eher noch schlimmer kommen?

Ich glaube, diese Probleme wachsen weit über die Köpfe unserer Politiker hinaus. Die einzigen Leute, die damit zurecht kommen könnten, sind Leute aus der Wirtschaft, denn Deutschland ist ein großes Unternehmen, das muss geleitet werden. Da gehören einfach Menschen an die Spitze, die viel mehr wissen als eine Merkel oder ein Obama - ja, ich glaube, es wird noch schlimmer, bevor es besser wird…

Und Sie müssen dann womöglich bis ans Lebensende auf der Bühne stehen?

Ich sehe mich auf einer Bühne stehen, solange ich das Gefühl habe, dass ich nicht lächerlich wirke. Irgendwann kommt der Punkt, wo man nur noch eine Parodie von sich selber ist - und ich hoffe, diesen Moment verpasse ich nicht.

Noch wird Ihrer künstlerischen Leistung ja Respekt entgegengebracht…

Was mich tierisch freut, denn als ich ein Schlagersänger war, gab es diesen Respekt nicht. Doch inzwischen sind die Menschen bereit zu sagen: Auch wenn es nicht mein Ding ist, was er macht - Respekt habe ich schon, denn sich 45 Jahre in dieser Branche zu halten, ist unendlich schwer. Das haben nur Maffay und Jürgens neben mir geschafft - und die hatten es leichter, die kamen nicht aus dem Kern der ZDF-Hitparade. Das ist eigentlich der Tod für einen jeden Künstler - und ich hatte die meisten Auftritte in der Hitparade. Aber ich habe es überlebt, mich verändert und meinen durchaus erfolgreichen Weg gefunden - und darauf bin ich schon ein wenig stolz, auch wenn ich das Wort Stolz sonst ablehne.

Und das auch noch über das Renteneintrittsalter von 65 Jahren hinaus. War dieser Geburtstag für Sie eigentlich Anlass, Rückschau zu halten?

Ich hasse Rückblicke, in jeder Hinsicht! Die großen Erfolge, die ich hatte, sind schön, aber Geschichte. Für mich ist die nächste Platte die wichtigste, mich interessiert nur, was kommt.

>> KONZERT:
Howard Carpendale
Rostock, 10. November,
20 Uhr, Stadthalle
Karten 0381 491168777

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