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18. Oktober 2017 | 04:09 Uhr

Idealisten am Rande der Gesellschaft

vom

svz.de von
erstellt am 09.Okt.2012 | 11:37 Uhr

Rostock | Gezeichnet von einem wieder aufgerissenen Leistenbruch und leicht gebeugt steht Detlev in dem Durchbruch zu dem, was mal ein Haus gewesen sein könnte. Seinen Klamotten ist anzusehen, dass sie schon länger nicht mehr gewaschen wurden. In der einen Hand hält Detlev eine abgenutzte Tasse mit schwarzem Tee, den er mit Hilfe von Kerzen und einem Topf erwärmt hat, in der anderen eine Zigarette. Um ihn herum streunert Kater Olli, über ihm klafft ein großes Loch in der Decke. "Warum wart ihr Freitag nicht hier?" Der als Frage formulierte Vorwurf richtet sich an Erik Niemierski und Reinhard "Billi" Bilkowski von der Obdachlosenhilfe.

Die Sozialarbeiter gucken regelmäßig nach ihrem Spezi, der sich seit 13 Jahren beharrlich weigert, in eine richtige Wohnung zu ziehen. Selbst im Winter bei minus 25 Grad Celsius. "Den haben wir schon ohne Ende bekniet", sagt Billi. Die beiden haben ihm sogar schon vorgerechnet, wie viel Geld er verschenkt hat, nur weil er keine Sozialhilfeanträge stellen will. Doch bis auf etwas zu Essen, Tabak und Decken nimmt er nichts an. Als maximales Erfolgserlebnis konnten sie lediglich für sich verbuchen, dass Detlev einmal bei ihnen in der Albert-Schweitzer-Straße duschen und Klamotten wechseln war. "Da sah er gleich ganz anders aus", sagt Billi. Davon ist jetzt nichts mehr zu sehen.

Aber der Aussteiger will es so. "Das müssen wir akzeptieren", sagt Erik. Jeder habe ein Recht auf Sucht. Die Sozialarbeiter könnten den Betroffenen nur immer wieder ihre Hilfe anbieten. "Oberstes Ziel ist die Hilfe zur Selbsthilfe", sagt Erik. Dabei fühlen sich die beiden oft wie "Papi, Mutti, Opa und Oma zusammen", so Billi. Denn haben die beiden erst mal das Vertrauen der Betroffenen erworben, laden die auch ihre Zipperlein bei ihnen ab.

Vom Leben auf der Straße zum Helfer

"Da musst du aufpassen, nicht denjenigen zu vergessen, der ein wirkliches Problem hat", meint Billi. Gerade, wenn die beiden ihre drei festen Kontaktstellen in der Stadt anfahren. Dann schwirren jeweils 15 bis 30 Personen um sie rum, die meisten von ihnen Männer. Wie schnell der Absturz kommen kann, weiß niemand besser als Billi selbst. Der 53-Jährige war früher selbst obdachlos, hat auf der Straße gelebt. "Bei mir war es genauso krass wie bei den Härtesten, die wir hier haben", sagt er. Dafür gesorgt habe jahrelanger Alkoholkonsum. "Ein Leben ohne konnte ich mir nie vorstellen." Am Ende stand er dafür ohne Job und ohne Bleibe da - "bis mich ein Kumpel zur Suchtberatung geschleppt hat und ich mir dachte, ich muss mal was anderes machen als saufen".

Er landete bei der Obdachlosenhilfe, wurde vom Verein gefördert und wuchs langsam in seinen heutigen Job rein. Mittlerweile steht er wieder fest im Leben. "Die Chance habt Ihr auch", will er den Betroffenen zeigen. Ein Patentrezept gebe es allerdings nicht. Dazu seien die Menschen zu individuell, ihre Probleme zu verschieden. Obwohl Erik zumindest ein wiederkehrendes Schema ausgemacht hat, nach dem auch viele Menschen aus bürgerlichem Umfeld in die Obdachlosigkeit abrutschen. "Es ist oft ein Kreislauf aus Beziehungsbrüchen, Schulden, Sucht - die Person verliert alles, kommt vielleicht bei einem Kumpel unter, bis es auch da kracht." Auf einmal steht man auf der Straße, kann sich nicht ausweisen, ist aber zu stolz, um sich das eigene Versagen wirklich einzugestehen und Hilfe zu suchen. "Es ist selten, dass sie von selbst kommen - und dann ist es meistens viel zu spät", sagt Billi.

Deswegen versuchen er und Erik, die Hilfe zu den Betroffenen zu bringen, sie zu begleiten, zu motivieren. "Unser Ziel ist es, ihnen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen", so Erik. Die Rolle des Sozialstaates sehen die beiden dabei teilweise kritisch. Auf den Ämtern werde zu häufig viel zu bürokratisch vorgegangen, wenn ein sich offensichtlich am Ende befindender Mensch auf dem Stuhl sitzt. "Das bei den Schwächsten der Schwächsten so auseinanderzupulen ist fast schon vertreibende Sozialarbeit", sagt Erik. Statt ihm einfach zu helfen, kämen die Vorwürfe: "Warum er denn auch trinke, hätte, wenn und aber. Der Stil ist zum Teil nicht gerade menschenwürdig."

Erik und Billi wollen da anders vorgehen, die Probleme ernst nehmen. "Man sieht immer den Menschen dahinter und vergleicht, ob es einem nicht auch selbst passieren könnte."

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