interview : „Ich will mit Vorurteilen aufräumen“

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Sängerin Dotschy Reinhardt führt mit einer musikalischen Lesung in die Kultur der Sinti und Roma ein – ein Teil der diesjährigen Peter-Weiss-Woche in Rostock

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04. November 2014, 10:00 Uhr

Am Freitag ist Dotschy Reinhardt in Rostock und stellt anlässlich der diesjährigen Peter-Weiss-Woche ihr Buch „Everybody’s Gypsy – Popkultur zwischen Ausgrenzung und Respekt“ vor. NNN-Autorin Nicole Pätzold sprach mit ihr über falsche Bilder und eine starke Kultur.

Ihr neues Buch behandelt das Bild der Sinti und Roma in der Gesellschaft. Wie viel davon kann der Realität standhalten?

Reinhardt: Das was in einschlägigen Parteien diskutiert wird, in rechtskonservativen bis ganz rechten, vermittelt ein total falsches Bild, nämlich das des Roma, des Armutseinwanderers. Was diese Stimmungsmacher suggerieren wollen ist, dass es sich um Sozialschmarotzer und nicht im weiteren Sinne auch um Flüchtlinge handelt. Man klammert aus, dass Roma etwa im ehemaligen Jugoslawien ausgegrenzt werden, auf Müllhalden leben müssen. Sie sind in gewisser Hinsicht politisch Verfolgte aufgrund ihrer Herkunft.

Und das reine gesellschaftliche Bild ...

Das gehört alles dazu. Es geht dann weiter mit den Klischees, die vermeintlich harmlos sind, in TV-Formaten auftauchen. Aber die Stigmatisierung, die damit einhergeht, die Respektlosigkeit gegenüber einer Kultur, deren Verzerrung, wird dabei aber ausgeklammert. Aber auf diesen Bildern beruhen letztlich die Feindbilder.

Haben Sie Beispiele für diese Verzerrung von Kultur und Lebensstil? Ich kenne gar nicht so viele Klischees: Musik, Reisen, bunte Kleidung. Da hört es schon auf.

Aber das reicht doch schon. Und das wird in allen Lebensbereichen ausgeschmückt. Mit Buntheit wird oft eine Sorglosigkeit der weiblichen Kulturangehörigen in Verbindung gebracht. Seit Jahrhunderten wird den Sintize und Romnija, jetzt auch bestärkt über Shakira, eine Heißblütigkeit und Laszivität, Schamlosigkeit und Unehrlichkeit angedichtet. So werden Frauen und auch Mädchen sexualisiert. Das Frauenbild der Zigeunerin, aber auch die Kriminalität der Zigeuner, wurde in der Literatur schon vor Jahrhunderten gelegt – dieses Feindbild.

Wenn man jetzt „bunt“ sagt, füttert das diese alten Klischees wieder an?

Ja, genau. Wenn ich sage, dass ich Sintiza bin, höre ich erstmal, was man sich unter einer Zigeunerin vorstellt. Das ist zunächst nicht böse gemeint. Aber es ist kontraproduktiv. Wir Sinti, die Communities auch andere Menschenrechtskonventionen sind bemüht, aufzuklären. Ich würde sagen, aufgrund der Ethnie kann man dem Menschen keine Eigenschaften zuschreiben.

Gibt es trotzdem verbindende Elemente?

Das ist schwierig. Es ist vielleicht hier und da das Aussehen. Dass man sieht, dass wir ursprünglich aus Indien kommen. Und zum anderen ist der Familiensinn und der Zusammenhalt in allen Gruppierungen der Sinti und Roma sehr wichtig. Das ist der Historie geschuldet, dass man innerhalb der Gruppe stark zusammenhalten musste. Auch typisch ist, dass man Älteren Respekt aufwartet, sie weiter integriert, statt sie an den Rand zu schieben.Auch die Kindesliebe ist sehr groß. Der Mythos, dass Zigeuner Kinder stehlen, ist daher umso verletzender und lächerlicher. Die Kinder werden stark respektiert.

Sie haben Zigeuner gesagt. Das Wort benutzen Sie, wenn es um Vorurteile geht. Oder finden Sie es wieder salonfähig?

Nein, ich finde es nicht salonfähig. Ich lehne den Begriff Zigeuner eigentlich ab, auch weil meine Verwandten unter diesem Begriff ermordet wurden. Zigeuner ist eine Fremdbezeichnung, der Feind- und Hassbilder anhängen. Meine Hoffnung ist, dass man mit Sinti neugieriger auf die eigentliche Kultur macht. Ich möchte aufklären.

War das auch Ihre Motivation zu schreiben?

Ja genau, aber auch, um exemplarisch aufzeigen zu können, wie mit der vermeintlichen Gipsy-Kultur, umgegangen wird – wie verantwortungslos und anderswo wie verantwortungsvoll.

Wie hat Ihre Familie darauf regiert, dass Sie schreiben und auch Popkultur beleuchten?

Die finden das toll, gerade die Jüngeren. Ich denke auch, dass ich mit diesem Thema generell auch Jüngere ansprechen kann, eben weil es um Popkultur geht und es im Hier und Jetzt spielt.

Wie bauen Sie Ihren Auftritt in Rostock auf?

Erst wird es die Lesung geben, dann gebe ich den Menschen die Möglichkeit, Fragen zu stellen und gehe dann zu meinem Gitarristen und ins Konzert über.

Sie singen in Romanez?

Ja, schon lange, noch bevor ich Bücher geschrieben habe. Damit fing es an. Die Leute fragten nach den Konzerten, welche Sprache das ist. Es gibt sie ja nur selten. Und dann konnte ich ein bisschen Aufklärung machen und habe gemerkt, dass auch Interesse besteht, mehr über die Kultur zu erfahren.

Das Programm der Peter Weiss-Woche

Morgen um 19.30 Uhr liest Anja Röhl im Möckelsaal des Peter-Weiss-Hauses, Doberaner Straße 21, aus ihrem Roman „Die Frau meines Vaters“. Und darum geht es: Im Alter von fünf Jahren lernt Anja die spätere Frau ihres Vaters, Klaus Rainer Röhl, kennen: Ulrike Meinhof. Daraus entsteht eine unerwartet intensive Beziehung, die über Jahre anhält. Selbst als Meinhof im Gefängnis einsitzt, besucht Anja Röhl sie und erhält von ihr Briefe. Ihr Buch bietet einen eindrucksvollen Beitrag für einen neuen Blickwinkel auf Ulrike Meinhofs Lebenswelt. Die Schriftstellerin Anja Röhl kennt und schätzt das Werk von Peter Weiss. Die Verknüpfung des Dokumentarischen mit ihrer literarischen Beschreibung der Beziehung zu Ulrike Meinhof, aus Sicht des Kindes und der jungen Frau, zeigt Parallelen zum Werk von Peter Weiss.

Am Donnerstag um 19.30 Uhr ist die schwedische Autorin Gunilla Palmstierna-Weiss zu Gast im Möckelsaal. Sie stellt ihr Werk „Fragmente aus dem Leben einer Beobachterin“ vor. Moderieren wird der Verleger des Verbrecher-Verlags, Jörg Sundermeier. Gunilla Palmstierna-Weiss ist die Witwe des 1982 verstorbenen Schriftstellers Peter Weiss. Ihre künstlerischen Arbeiten beeinflussen, durchdringen und bedingen sich wechselseitig. Die beiden Künstler sah man oft an der Seite von Heinrich Böll, Rudi Dutschke und Olof Palme. Zu den weltweiten politischen Entwicklungen nehmen sie radikal und unabhängig Stellung. Begleitet wird Gunilla Palmstierna-Weiss von ihrem Sohn Mikael Sylwan, der den Auftritt seiner Mutter mit einer Bildershow begleiten wird. Der Eintritt ist frei. Spenden sind willkommen.

Freitag um 19.30 Uhr findet eine musikalische Lesung mit Buchautorin und Sängerin Dotschy Reinhardt statt. Das Literaturhaus und die Buchhandlung Hugendubel arbeiten zusammen, um die Berliner Künstlerin nach Rostock zu holen. Dotschy Reinhardt stellt ihr zweites Buch „Everybody's Gypsy – Popkultur zwischen Ausgrenzung und Respekt“ vor. Sie thematisiert das negative Gesellschaftsbild gegenüber der „Gypsy-Kultur“. Anschließend findet ein Konzert statt. In ihrer Musik verbindet sie Jazz, Bossa Nova und Gypsy-Swing. Dotschy Reinhardt ist der jüngste musikalische Spross der Familie des Jazz-Gitarristen Django Reinhardt, der den Gypsy-Swing prägte. Moderieren wird den Abend der Kulturjournalist Ernst-Jürgen Walberg.





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