Pflegedienst in MV : Höchste Zeit, sich zur Wehr zu setzen

<fettakgl>Rund 250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter </fettakgl> von privaten Pflegediensten und Wohlfahrtsverbänden haben gestern Nachmittag in Neubrandenburg demonstriert. <foto>andreas segeth</foto>
Rund 250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von privaten Pflegediensten und Wohlfahrtsverbänden haben gestern Nachmittag in Neubrandenburg demonstriert. andreas segeth

Die Pflegedienste im Land gehen seit Wochen auf die Straße - weil sie Qualitätseinbußen für ihre Patienten fürchten und eine noch stärkere Abwanderung von Fachkräften.

svz.de von
18. Juli 2012, 07:51 Uhr

Güstrow | "Stellen Sie sich vor, Sie gehen zum Bäcker, bezahlen ein Brot und wollen dann kostenlos auch noch zehn Brötchen mitnehmen - mit der Begründung, sie hätten ja schließlich schon das Brot bezahlt." Im ersten Moment mag man über Sylvia Adams Beispiel nur den Kopf schütteln. Überträgt die stellvertretende Pflegedienstleiterin der AWO-Sozialstation in Güstrow es jedoch auf ihre Arbeit, wird klar, was sie meint: "Wir haben eine Patientin, bei der eine Wunde versorgt, ein Kompressionsverband angelegt und - weil sie schweren Diabetes hat - Insulin gespritzt werden muss. Die AOK wird künftig nur noch eine dieser Leistungen bezahlen - auch wenn es für alle drei ärztliche Verordnungen gibt, die die Kasse zuvor ausdrücklich genehmigt hat." Bisher, so Sylvia Adam, seien immerhin zwei von drei Leistungen der medizinischen Behandlungspflege vergütet und eine Wegepauschale bezahlt worden. Ab 1. August sei die AOK dazu nicht mehr bereit.

Ärger vor allem über die AOK Nordost

Auf "die AOK" fokussiert sich momentan im ganzen Land die Wut der Mitarbeiter ambulanter Pflegedienste. Dass auch die IKK Nordost, der BKK-Landesverband Nordwest, die Knappschaft und die Landwirtschaftliche Krankenkasse Mittel- und Ostdeutschland mit am Tisch saßen, als die Kassenseite im letzten Dezember die Verhandlungen über die Vergütung der häuslichen Krankenpflege nach drei Jahren endgültig scheitern ließ, interessiert kaum jemanden: Zu klein ist die Zahl der Menschen, die diese Kassen im Land versichern. Und zu offenkundig ist für die Pflegeleistungsanbieter, dass die marktbeherrschende AOK Nordost hierzulande nur fortführen will, was sie in Brandenburg bereits länger praktiziert: Die Umstellung der Vergütung für die häusliche Krankenpflege auf ein Pauschalensystem. Wegekosten sollen reduziert oder gar nicht mehr bezahlt werden. Nach Angaben der Pflegedienste führt all das zu einer Absenkung der Vergütungen um bis zu 20 Prozent.

Anfang des Monats erging dazu ein Schiedsspruch, der zum 1. August in Kraft treten soll. Seitdem protestieren beinahe täglich Mitarbeiter von Pflegediensten - heute mit einem Schweigemarsch in Schwerin, gestern in Neubrandenburg und Bad Doberan, vorgestern in Greifswald. Weitere Aktionen sind bis in den September hinein geplant - auch in Güstrow.

"Unsere Leute sind tief böse - und verletzt", meint Günter Pringal vom gleichnamigen Pflegedienst in der Barlachstadt. Es sei höchste Zeit, sich zur Wehr zu setzen. Denn die Versorgung der Patienten werde sich durch den Schiedsspruch verschlechtern - auch wenn die Kassen das Gegenteil behaupteten. Irgendwann seien Leistungskürzungen auch durch persönliches Engagement nicht mehr wettzumachen.

Aus Kassensicht stellt sich die Situation ganz anders dar. Für Patienten werde sich nichts ändern, betonen sie. Und: "Eine tarifgerechte Vergütung von Pflegedienstmit arbeitern wird mit den neuen Vergütungen sehr wohl weiterhin ermöglicht." Die neue Vergütungsstruktur trage aktuellen Entwicklungen und veränderten Rahmenbedingungen im Land Rechnung, zum Beispiel neuen ambulanten Wohnformen. Das Vergütungsniveau verschiebe sich zugunsten der medizinischen Leistungserbringung - dafür kämen die Vergütungen für den Wegeaufwand auf den Prüfstand und würden neu geregelt.

Aufs Land wird niemand mehr fahren

"In einem Flächenland müssten doch genau genommen die höchsten Wegepauschalen gezahlt werden", hält Michael Zehm, Qualitätsmanager beim Güstrower Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt (AWO), dagegen. Tatsächlich aber sollen künftig Pauschalen zwischen 0,93 und 3,72 Euro zur Anwendung kommen - in Hamburg dagegen läge die Wegepauschale bei über acht Euro.

"Der durchschnittliche Weg, den ein Pflegedienst in Mecklenburg-Vorpommern zu einem Patienten zurücklegt, beträgt 7,5 Kilometer", weiß Günter Pringal. "Solange wir Patienten in Güstrow oder der unmittelbaren Umgebung aufsuchen, werden wir das auch künftig mit dem Geld von den Kassen hinbekommen. Aber eine halbe Stunde nach Krakow am See zu fahren rechnet sich einfach nicht." Patienten auf dem Land, so fürchtet er, werden als Erste auf der Strecke bleiben, weil sich künftig niemand mehr um sie kümmert.

Dabei wird die Zahl derjenigen, die häusliche Krankenpflege brauchen, in den nächsten Jahren noch weiter zunehmen, ist AWO-Mann Zehm überzeugt. Das sei einerseits der demografischen Entwicklung geschuldet. Es ließe sich aber auch aus den seit Jahren kürzeren Krankenhausverweildauern ableiten: Leistungen aus dem stationären in den ambulanten Bereich zu verlagern, sei politisch gewollt. "Aber dann muss man dafür doch auch bezahlen", fordert Zehm.

"Es wird immer unterstellt, wir Pflegedienste bekämen den Hals nicht voll", beklagt Heike Müller. Das sei schlichtweg falsch, so die Güstrowerin. Als Inhaberin eines Pflegedienstes hätte sie auch eine soziale Verantwortung ihren Angestellten gegenüber. Bisher hätte sie ihnen Urlaubs- und Weihnachtsgeld zahlen können. Ob das künftig noch möglich sein wird, müsse sie abwarten.

Dabei haben Pflegedienste aus MV auf dem ausgedünnten Fachkräftemarkt schon jetzt sehr schlechte Karten. Fast jeder hat Arbeitskräfte verloren, die gen Westen abgewandert sind. Kein Wunder: In anderen Bundesländern wie Hessen, Hamburg oder Baden-Württemberg liegen die Verdienste in der Branche um 35 bis 53 Prozent über den hierzulande gezahlten - auch, weil die Kassen dort unter anderem häusliche Pflegeleistungen sehr viel besser vergüten.

Auch Ersatzkassen wollen neuen Vertrag

Was die Pflegedienste aber noch viel mehr verärgert ist ein Passus im Schiedsspruch, der ihnen nahelegt, künftig verstärkt Pflegehilfskräfte einzusetzen. Dabei wird auch kein Hehl daraus gemacht, dass das Lohnniveau dieser an- oder ungelernten Kräfte wesentlich unter dem von Fachkräften liegt. "Passieren Fehler, halte ich als Chefin dann aber meinen Kopf hin", schlussfolgert Heike Müller. Dazu käme, dass der Medizinische Dienst der Krankenkassen fordern würde, dass bestimmte Leistungen nur durch Fachkräfte erbracht werden. "Zu Recht. Qualität hat für mich Vorrang - das muss doch auch die AOK so sehen", meint Heike Müller.

Dass die Spitzenverbände der Pflegeleistungserbringer Klage gegen den Schiedsspruch einreichen wollen, sei gut gemeint - "bis zu einem Urteil werden aber zwei oder drei Jahre vergehen", befürchtet Michael Zehm. "Das ist viel zu lange, der Schiedsspruch gilt ja nur bis Ende 2013." Und: Auch die Ersatzkassen haben mittlerweile ihre Verträge für die häusliche Krankenpflege zum Jahresende gekündigt. Es steht zu befürchten, dass sie sich bei Neuverhandlungen am niedrigeren Vergütungsniveau von AOK und Co. orientieren werden. Deshalb soll die Politik jetzt helfen: Im Gesundheitsland dürften die Patienten nicht auf der Strecke bleiben, fordern die Güstrower Pflegeanbieter. Deshalb werden auch sie am 30. Juli auf die Straße gehen.

Was der AOK Nordost aber vielleicht noch mehr wehtut: Allein von den rund 200 Mitarbeitern des Güstrower AWO-Kreisverbandes haben inzwischen 50 die Mitgliedschaft in der Kasse gekündigt.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen