Geschichte der Rostocker Neptun Werft : Reparationen, Reißbrett, Reederwünsche

Moderne Schiffbauhalle: Nach Fertigstellung werden die je 140 Meter langen Maschinenraum-Module aus der Bauhalle auf eine Absenkvorrichtung verschoben und dann zu Wasser gebracht.
Moderne Schiffbauhalle: Nach Fertigstellung werden die je 140 Meter langen Maschinenraum-Module aus der Bauhalle auf eine Absenkvorrichtung verschoben und dann zu Wasser gebracht.

Der 100-jährige Ex-Schiffskonstrukteur Carl-Friedrich Kaehlert erinnert sich an seine Zeit auf der Rostocker Neptun Werft.

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15. März 2020, 19:00 Uhr

„Wir hatten schwer zu tun.“ Mit diesen knappen Worten resümiert Carl-Friedrich Kaehlert seine rund 35 Arbeitsjahre auf der Rostocker Neptun Werft. Fast genauso viele Jahre liegen diese inzwischen zurück. Der frühere Schiffskonstrukteur erinnert sich noch gut an den Tag, als er 1984 mit 65 Jahren in Rente ging.

Verschlug es nach dem Krieg an die Ostseeküste: Carl-Friedrich Kaehlert. Heute lebt er in einem Seniorenzentrum in Rostock.
Thomas Schwandt
Verschlug es nach dem Krieg an die Ostseeküste: Carl-Friedrich Kaehlert. Heute lebt er in einem Seniorenzentrum in Rostock.
 

„Da hatte ich genug von der Arbeit“, sagt er und fügt mit dem verschmitzten Lächeln eines 100-Jährigen hinzu: „Heutzutage werden Fachleute im Schiffbau gesucht, werden sie möglichst lange im Job gehalten.“ Aus der täglichen Zeitungslektüre, die ein modernes Lesegerät ermöglicht, weiß er um die aktuellen Fachkräfte-Probleme in der Branche. Auch dass es im deutschen Marineschiffbau derzeit mächtig hakt.

Ein echter Hamburger Jung

Im Dezember 2019 feierte der rüstige Rentner das dreistellige Geburtstagsjubiläum. „Ich war seit drei Jahren der erste Hundertjährige im Haus.“ Entsprechend groß fiel die Gratulationscour für den Jubilar in der Seniorenresidenz im Rostocker Stadtteil Lütten-Klein aus. Auch eine kleine Abordnung der Neptun Werft war gekommen, um den wohl ältesten Ex-Mitarbeiter des traditionsreichen Schiffbaubetriebes an der Warnow zu ehren. Von den vielen wechselvollen Kapiteln in der langen Geschichte der Neptun Werft, deren unternehmerische Wurzeln bis ins Jahr 1850 zurückreichen, hat Carl-Friedrich Kaehlert eines der historisch markantesten mitgeprägt.

Der 1919 geborene Kaehlert ist ein echter Hamburger Jung. Erstaunlich detaillierte Erinnerungen an Kindheit und Jugend ranken sich entlang des Osterbek-Kanals im Stadtteil Barmbek, wo er aufwuchs und wo viel Fußball gespielt wurde, mitten auf der Straße. „Da kam am Tag höchstens ein Auto vorbei, aber dafür dreimal ein Polizist, der uns wegjagte.“ Einen bedrohlich langen Schlagstock habe dieser bei sich getragen. Kaehlerts rechte Hand streift am rechten Schenkel bis hinunter über das Knie.

Später hat er in der Hamburger Repsoldstraße in einer Firma, die Paternoster und Rolltreppen baute, eine vierjährige Ausbildung zum Maschinenschlosser absolviert. Doch entgegen der Vorstellung des Vaters, danach das Technikum zu besuchen, meldete sich der Sohn freiwillig zur Marine. 1936 heuerte er auf dem Schweren Kreuzer „Admiral Scheer“ als Schiffsartillerist an. Kaehlert deutet mit den Händen einen Kreis von der Größe eines Suppentellers an. „Die Granaten der Drillingsgeschütze hatten einen Durchmesser von 28 Zentimetern.“

Es wurden zahlreiche Frachtschiffe nötig

Noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges lernte er seine spätere Ehefrau Irma kennen, die aus der Nähe von Bad Sülze in Mecklenburg stammte. „Wir haben uns zum ersten Mal an einer S-Bahnstation unweit der Rothenbaumchaussee getroffen.“ Ihr folgte er in den Nachkriegswirren über die Zonengrenze in den Osten. Auf der Suche nach Arbeit wurde er in der Rostocker Neptun Werft vorstellig.

Diese war nach 1945 in eine Sowjetische Aktiengesellschaft (SAG) umgewandelt worden. „Der Werkleiter, ein Russe, hat mich gleich in die Bauaufsicht gesteckt.“ Damals wurde der Schiffbaubetrieb wie viele andere Produktionsstätten in Ostdeutschland für Reparationsleistungen an die Siegermacht UdSSR herangezogen. „Zuerst haben wir Pontons gebaut und Hebeschiffe, später folgten Logger für die Fischerei“, erinnert sich Kaehlert lebhaft. Das größte Glück für ihn und Ehefrau Irma war es jedoch zu jener Zeit, vom Betrieb eine Wohnung in Rostock zugewiesen zu bekommen. Drei Kinder zogen sie hier groß. Irma Kaehlert verstarb vor neun Jahren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Neptun Werft in eine Sowjetische Aktiengesellschaft (SAG) umgewandelt und produzierte als Reparation vorrangig Hebeschiffe und Logger für die UdSSR.
Schifffahrtsmuseum
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Neptun Werft in eine Sowjetische Aktiengesellschaft (SAG) umgewandelt und produzierte als Reparation vorrangig Hebeschiffe und Logger für die UdSSR.
 

Auf der Neptun Werft, wo mit der „Erbgroßherzog Friedrich Franz“ im Jahr 1851 der erste eiserne Schraubendampfer Deutschlands vom Stapel lief, setzte 1953 nach dem Rückzug des russischen Managements ein intensiver Schiffsneubau unter planwirtschaftlicher Ägide in der DDR ein. Die rasch wachsende staatseigene Deutsche Seereederei (DSR) benötigte zahlreiche neue Frachtschiffe.

Die ingenieurtechnische Handschrift von Carl-Friedrich Kaehlert

Bald schon gingen aber auch Aufträge aus dem Nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet (NSW) ein, wie der Westen damals genannt wurde. „Richters-Schiffe mit 5000 bis 10 000 Tonnen Tragfähigkeit haben wir beinahe wie am Fließband produziert.“ Kaehlerts Augen strahlen stolz. Die bis 1979 existierende Hamburger Reederei Barthold Richters war das erste westdeutsche Schifffahrtsunternehmen, das Neubauten beim VEB Schiffswerft Neptun bestellte. Insgesamt 40 Schiffe lieferte der volkeigene Betrieb im Laufe der Zeit an die Richters-Reederei ab.

Sie alle trugen auch die ingenieurtechnische Handschrift von Carl-Friedrich Kaehlert. Nach einem Maschinenbaustudium in Warnemünde und Wismar arbeitete er als Gruppenleiter in der Schiffskonstruktion. Jeder Bauplan entstand noch am Reißbrett. Eine filigrane Arbeit, die ihm „viel Spaß gemacht hat“, sagt Kaehlert. Viele Details waren zu beachten. Stressig wurde es nur, wenn Reeder mit Extrawünschen um die Ecke kamen. Umso erhebender war jedes Mal der Augenblick, wenn die kompletten Unterlagen weitergereicht werden konnten.

Der Stapellauf eines neuen Schiffes wie hier 1976 wurde auf der Werft stets feierlich zelebriert.  Fotos:  Rostock
Schifffahrtsmuseum Rostock
Der Stapellauf eines neuen Schiffes wie hier 1976 wurde auf der Werft stets feierlich zelebriert. Fotos: Schifffahrtsmuseum Rostock
 

Er habe nie an irgendwelchen Schiffen besonders gehangen, räumt Kaehlert unumwunden ein, um mit norddeutsch trockenem Humor hinzuzufügen: „Hauptsache wir wurden die Schiffe los, das nächste wartete schon darauf, konstruiert zu werden.“ Dann aber erwähnt er doch legendäre DDR-Fährschiffe wie die alte „Sassnitz“, die „Rügen“ und „Warnemünde“. Sie liefen allesamt bei Neptun vom Stapel und verbanden viele Jahre die andere deutsche Republik mit Skandinavien.

Typisch DDR - auch im Schiffbau

Schiffe von der Neptun Werft in der DDR wurden geschätzt. Für planwirtschaftliche Verhältnisse lief die Produktion straff organisiert. Daran trug nach Ansicht von Schiffskonstrukteur Kaehlert der langjährige Werftdirektor Kurt Dunkelmann großen Anteil. Ein Unikat in der Branche. Er lenkte von 1959 bis 1974 die Geschicke des Betriebes. Zuvor hatte sich der gelernte Schiffbauer als Schauspieler in etlichen DEFA-Spielfilmen wie „Schlösser und Katen“ verdingt und verfasste nach seiner Ära bei Neptun mehrere niederdeutsche Bücher.

DDR-typisch ging es beim Bau der Schiffe dennoch zu. „Benötigten wir zum Beispiel ein spezielles Hydraulikventil, reisten wir manchmal tagelang durch die Republik. Meistens erbarmten sich die Hersteller, wenn für sie einige Urlaubsplätze in den Neptun-Ferienheimen an der Ostsee heraussprangen.“ Meister im Improvisieren seien sie gewesen, sagt Kaehlert und lacht verwegen.

Nach der Wende in der DDR habe er die Entwicklung der Neptun Werft eine Weile in der Presse verfolgt. „Ich war auch mal am neuen Standort in Warnemünde und habe mir angeschaut, wie Schiffe am Computer konstruiert werden.“ Er freue sich, dass die Kollegen auf der Werft, die seit 1997 zur Meyer Gruppe gehört, mit dem Bau von Maschinenraum-Modulen für Kreuzfahrtschiffe und von Flusskreuzfahrtschiffen „weiterhin schwer zu tun haben“.

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