Großer Fund für jüdische Gemeinde

 Eine kleine Kopie von den Bauplänen haben sie schon einmal: Johannes Saalfeld und Johann-Georg Jaeger. Georg Scharnweber
Eine kleine Kopie von den Bauplänen haben sie schon einmal: Johannes Saalfeld und Johann-Georg Jaeger. Georg Scharnweber

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10. November 2010, 07:50 Uhr

Rostock | Mehr als 20 Jahre waren sie verschollen: Die Original-Baupläne der Rostocker Synagoge von 1902. Nun sind sie durch einen Zufall wieder aufgetaucht. Johannes Saalfeld, Geschäftsführer der Grünen-Fraktion in der Bürgerschaft, entdeckte sie im Stadtarchiv: vollständig, in Farbe und mit allen wichtigen Unterschriften. "Das ist ein totaler Glücksfall", sagt Frank Schröder, Leiter des Max-Samuel-Hauses. Er selbst suchte jahrelang vergeblich nach den historischen Dokumenten. Mehr als 15 Karten mit Grundrissen und Aufrisszeichnungen sind in der Mappe enthalten. "Damit könnte man das Gotteshaus wieder identisch nachbauen", sagt Saalfeld. Vom Antrag des Gemeindevorstandes bis hin zur Baubegehung einen Tag vor der Einweihung am 14. September 1902 findet sich alles unter den Dokumenten. Damals bestand die jüdische Gemeinde in Rostock aus 300 Mitgliedern.

Rostocks Synagoge war größte des Landes

In den vergangenen Jahren wurde immer unter dem Stichwort Synagoge im Archiv gesucht. Gefunden wurden die Karten aber bei den Akten der Augustenstraße. "Die Dokumente waren nie verschwunden. Sie waren nur am falschen Ort", so Schröder. Ausschlaggebend für den Fund war die Gedenkveranstaltung im vergangenen Jahr an der Stele in der Augustenstraße 101. Hier befand sich vor 108 Jahren das Eingangstor zum Grundstück, auf dem das damals größte jüdische Gotteshaus Mecklenburg-Vorpommerns stand. "Der Bürgersteig war für die vielen Menschen, die an der Veranstaltung teilnehmen, viel zu klein", sagt Johann-Georg Jaeger, Fraktionschef der Grünen. Zudem hätten durchfahrende Autos die Rede des Landesrabbiners unterbrochen. "Es war einfach unwürdig." Saalfeld machte sich daraufhin auf die Suche nach den alten Katasterplänen, um zukünftig auf dem alten Grundstück der Synagoge im Hinterhof die Gedenkveranstaltung abhalten zu können. "Das Dokument war schnell gefunden und plötzlich auch die jahrelang gesuchten Baupläne", sagt der Geschäftsführer.

"Die Bedeutung dieser Dokumente ist enorm für die jüdische Kultur des Landes", sagt Schröder. Beim Umgang mit den wiedergefundenen Schriften sei nun Vorsicht geboten. "Viele der Zeichnungen sind auf Wachstüchern entstanden, die Papiere sind sehr dünn und zudem sehr groß", sagt Saalfeld. Um die Lebensdauer der wichtigen Blätter zu verlängern, sollen sie in naher Zukunft mit Hilfe eines speziellen Kopierers dupliziert werden. "Dieser Vorgang ist recht teuer", so Schröder. "Für 2012 wollen wir dann eine große Ausstellung im Max-Samuel-Haus veranstalten."

Wie die meisten jüdischen Gebäude fiel auch die Rostocker Synagoge den Anschlägen in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 zum Opfer. Bis heute gibt es nur drei Bilder: Vom Betsaal, von der Seite und brennend aus der Pogromnacht. "Leider hat dieses Bild auch über die Grenzen Rostocks hinaus Berühmtheit erlangt", sagt Saalfeld. Entworfen wurde das Gotteshaus von Ludwig Levy. Er war einer der bedeutendsten Architekten von Synagogen am Anfang des 20. Jahrhunderts. Er plante unter anderem die jüdischen Gotteshäuser in Straßburg, Kaiserslautern und Luxemburg. Das Gebetshaus in Rostock bestach vor allem durch seine romanischen und maurischen Elemente im Innenraum. Heute befinden sich auf dem Gelände Bürogebäude und Garagenanlagen. Eine Verlegung der Gedenkveranstaltung auf das ehemalige Gebiet ist daher nicht möglich.

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