Barther "Schatzinsel" mit Helga Wienhöfer : Grande Dame des Open-Air-Sommers

Schauspielerin Helga Wienhöfer
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Schauspielerin Helga Wienhöfer

Drei Rollen mit 84 Jahren: Helga Wienhöfer spielt gleich drei Rollen in der Barther „Schatzinsel“. Das allein ist bemerkenswert. Kollegen schätzen ihre Bühnen-Tipps. Was dazu kommt:

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12. Juli 2012, 10:23 Uhr

Barth | Zu später Stunde hallt das Klopfen des Blindenstocks durch das stille Gasthaus "Zum Admiral Benbow". Die Tür schlägt auf. Eine heruntergekommene Gestalt im schwarzen Umhang schleppt sich tastend über die Diele. Es ist der Auftritt von Helga Wienhöfer beim Barther Theatersommer, mit 84 Jahren älteste Schauspielerin und unumstrittener Publikumsliebling der Open-Air-Saison 2012 in Mecklenburg-Vorpommern.

Wienhöfer, drahtig und mit sportlicher Kurzhaarfrisur, verwandelt sich in diesem Sommer zur Inszenierung der "Schatzinsel" von Robert Louis Stevenson in den blinden Piraten Pew, der dem Seemann Billy Bones den gefürchteten "Schwarzen Fleck" überbringt. Mit fester klangvoller Stimme, schmutziger Lache und einem beängstigenden Hustenanfall absolviert die Grande Dame der Freilichtsaison ihren minutenlangen Monolog. Keine Viertelstunde später schlüpft sie schon in die nächste Rolle als bettelnder Matrose mit Hamburger Akzent.

Auftritte mit Tappert, Kubitschek und Quermann

Insgesamt wird die Seniorin von heute an gleich drei Figuren im Barther Theatergarten verkörpern.

"Theater ist mein Leben, deshalb kann ich ja auch nicht aufhören", sagt die Tochter eines Fürstenwalder Hobby-Theaterkritikers. Die Bühne habe sie schon immer fasziniert.

Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Theater wieder öffneten, sei sie als Schülerin zum Schauspielhaus Köthen gegangen. Dort stand sie mit Horst Tappert, Ruth Maria Kubitschek und Heinz Quermann auf der Bühne. Es folgten Engagements in Senftenberg, Güstrow, Stralsund, Wittenberg, Döbeln, Bautzen und Zwickau.

Gebremst wurde sie nur von ihren beiden, zu allerlei Blödsinn aufgelegten Söhnen. "Als ich eines Abends von der Vorstellung nach Hause kam, hatten sie Indianer gespielt und noch im Bett die Galgenschlingen um den Kopf. Da hab ich den Beruf erst mal an den Nagel gehängt", sagt sie. 1974 zog sie nach Barth und übernahm dort die Leitung des Kulturhauses. Sie inszenierte mit Schülern Märchen, leitete Singeklubs, organisierte Urlauberabende und beriet das Jugendkabarett "Die Sägefische". Mit dem Ende der DDR sei das alles den Bach heruntergegangen, sagt sie verbittert. Aber als 1999 das Theater Anklam die Vineta-Festspiele in Barth ins Leben rief, war das für sie "eine Sternstunde". Seitdem stand Wienhöfer ohne Unterbrechung auf den Sommerbühnen - zuletzt vor einem Jahr als Waldhexe in "Robin Hood".

"Zwischendurch im Winter war ich mal Miss Marple", sagt sie. Ihre Lieblingsrolle zuletzt war der Professor Schnauz (Crey) in der "Feuerzangenbowle". Neben den "Schatzinsel"-Vorstellungen spielt sie derzeit auch noch jeden Mittwoch in dem Krimi-Dinner "Eine Mordsverlobung" an Bord eines Schaufelraddampfers auf dem Barther Bodden.

"Solange es eine Rolle für mich gibt, spiele ich"

Die Frau sei Profi, sagt die 56 Jahre jüngere "Schatzinsel"-Regisseurin Juliane Botsch. "Wenn wir vor der Spielzeit die Stücke lesen, denken wir schon von Anfang an an eine geeignete Rolle für sie." Wienhöfer sei aber nicht nur als Publikumsmagnet wichtig für die kleine Bühne, sondern auch als erfahrene Bühnen-Frontfrau.

Schauspielstudentin Jeannine Schulte, die in Barth die Mary von Jim Howkins spielt, weiß die Tipps der alten Dame zu schätzen. Sie sei bewundernswert fit und souverän, sagt sie. Den ganz neuen Darstellern habe sie uralte Theaterregeln vermittelt, zum Beispiel, dass man auf der Bühne niemals essen oder pfeifen und nicht ins Textbuch der Kollegen schauen dürfe.

Regenvorstellungen bereiten der 84-Jährigen keine Angst. Im Sommer 2011 sei nur ein einziger Theaterabend trocken geblieben, sagte sie. "Na und, dann wird eben ein Hemd und eine Socke mehr angezogen!" Nach dem Schlussapplaus geht es sofort in trockene Sachen, und zu Hause habe sie auch immer einen Grog. Aufhören sei kein Thema. "Solange man mich noch ertragen kann, und es eine Rolle für mich gibt, spiele ich."

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