THEATERDEBATTE : Geschäftsführer Rosinski rechnet ab

Im Sommer will  Stefan Rosinski Rostock Richtung Halle verlassen.
Im Sommer will Stefan Rosinski Rostock Richtung Halle verlassen.

Umfassendes Versagen von der eigenen Bühne, der Stadtverwaltung, Bürgerschaft und Landespolitik

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22. Januar 2016, 16:00 Uhr

In seinem neuen Strategiepapier holt der kaufmännische Geschäftsführer des Volkstheaters, Stefan Rosinski, zum Rundumschlag gegen Rathaus, Bürgerschaft und die eigene Bühne aus. Politik und Verwaltung wirft er fehlende kulturpolitische Expertise und das Diktat des Rechenschiebers vor. Und das eigene Haus habe „sich quasi von der Dynamik der Entwicklung des gesamtdeutschen Theaters der letzten 25 Jahre und dessen Evolutionsfähigkeit abgehängt beziehungsweise sich gar nicht erst angehängt.“

Die Bühne habe verpasst, durch neue Formate die Zielgruppe der bis 30-Jährigen für sich zu gewinnen. Dafür verantwortlich sei der politische Druck, immer höhere Einnahmen erzielen zu müssen, so Rosinski. Er schiebt damit die Schuld an der Fehlentwicklung auf Rathausspitze, Bürgerschaft und Landesregierung. Für ein arbeitsfähiges Vierspartenhaus müsse der Zuschuss mindestens um eine Million Euro aufgestockt werden. Das Theater sei daher in jedem Fall reformbedürftig.

„Freilich setzt eine Neujustierung der Betriebsform das Interesse und die genaue Kenntnis alternativer Formen der Kunstproduktion und des Kulturangebotes voraus“, schreibt Rosinski. Das sei in Rostock nicht gegeben. In der Hansestadt fehle es nicht nur seit 2013 an einem Kultursenator, sondern auch an einer generellen kulturpolitischen Zielformulierung. Zur Legitimation diene nur noch die Wirtschaftlichkeit, nicht mehr die Funktion als Selbstverständigungsmedium der Gesellschaft. „Bleibt es bei der schlichten Zuschusskürzung, darf mittelfristig von einem Scheitern der Institution als zeitgemäßem und lebendigem Ort der Kunstproduktion ausgegangen werden“, so Rosinski. Es brauche die Einbeziehung des Publikums.

Seinen Intendanten Sewan Latchinian beschreibt Rosinski indirekt als Manager mit dem Zwang zur Überproduktion. Dessen „Überforderungsspielpläne“ ließen nur noch „skizzenhafte Inszenierungen“ zu und zerstörten die Produktivkräfte der Kunst. Allerdings folge Latchinian nur den Vorgaben der Politik: „Am Ende setzt sich derjenige durch, der über den Mittelzufluss bestimmt.“

Eva-Maria Kröger, Chefin der Linksfraktion, bewertet das Rosinski-Papier als „Spiegel, in den alle Politiker und auch die Theatermacher selbst schauen müssen“. Vor der Umstrukturierung müsse eine kulturpolitische Debatte geführt werden, so wie auch der Theater-Geschäftsführer sie fordert. „Dieses Papier könnte der Debatte endlich ein niveauvolles, ein angemessenes Gesicht geben“, sagt Kröger. Sie teilt die Ansicht, dass alle – Stadt, Land und nicht zuletzt das Theater selbst – die nachhaltige Entwicklung der Bühne verschlafen haben.

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