Leid Lindern : Gemeinsam gegen den Tinnitus

Lizensiert von der Deutschen Tinnitusliga helfen Betroffene wie Gerhard Schmager, Sabine Schröder und Gerd Slama (v. l.) sich in der Selbsthilfegruppe Ohrwurm gegenseitig.
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Lizensiert von der Deutschen Tinnitusliga helfen Betroffene wie Gerhard Schmager, Sabine Schröder und Gerd Slama (v. l.) sich in der Selbsthilfegruppe Ohrwurm gegenseitig.

Mitglieder der Selbsthilfegruppe Ohrwurm helfen sich gegen das ständige Pfeifen im Ohr. Treffen finden einmal im Monat statt.

svz.de von
03. Juni 2016, 21:00 Uhr

Es ist immer da. Das unerträgliche Pfeifen, Rauschen oder Hämmern im Ohr, das Tinnitus-Patienten rund um die Uhr begleitet. „Auch in 100 Jahren wird es keine Pille dagegen geben“, sagt Gerhard Schmager. Aber es gibt Möglichkeiten, besser damit leben zu können. Deshalb hat Schmager gemeinsam mit anderen Betroffenen bereits vor fünf Jahren die Selbsthilfegruppe Ohrwurm gegründet, die sich immer am vierten Mittwoch im Monat trifft. „Es ist die einzige in MV, die von der Deutschen Tinnitusliga anerkannt ist“, sagt Schmager.

Als Mitglieder der Organisation haben er und Sabine Schröder mehrere Fortbildungen besucht, die den Umgang mit dem Symptom und den Betroffenen lehren. In der Südstadt treffen sich etwa 15 Erkrankte regelmäßig. „Aber wir sind keine Jammertruppe. Bei uns geht es nicht darum, sich gegenseitig zu bemitleiden, sondern darum, sich über Erfahrungen und das Leben mit dem Tinnitus auszutauschen“, sagt Schröder. Dabei gibt es eine Kardinalsregel: „Es spricht immer nur einer“, sagt sie. Sonst könne man den Geräuschpegel nicht ertragen.

Wenn neue Leute in die Gruppe kommen, seien die alteingesessenen Mitglieder immer wieder erstaunt, wie offen die Betroffenen ihre Leidensgeschichte erzählen. „Viele sind froh, wenn sie überhaupt jemanden gefunden haben, der sie nicht als Simulant darstellt, das Gefühl haben, zu wissen, dass es anderen genau so geht“, sagt Gerd Slama. Oft hätten Betroffene lange Odysseen von Arzt zu Arzt hinter sich, ohne dass ihnen geholfen werden könnte oder ihnen geglaubt würde, was sie hören.

Ein Tinnitus kann von heute auf morgen auftreten und hat ganz unterschiedliche Ursachen. „Das können einmalige Ereignisse sein wie ein Unfall, ein Knall, ein Schock, ein Hörsturz. Aber auch langfristige Ursachen wie Stress, Fehlstellungen der Halswirbelsäule oder des Kiefers“, sagt Schröder. Das Problem: „Tinnitus ist – im Gegensatz zu Schwerhörigkeit oder Hyperakusis – keine anerkannte Krankheit, sondern ein Symptom.“ Das bedeute, dass Krankenkassen sich häufig sträuben, Kosten für Hörgeräte oder eine Behandlung zu übernehmen.

Die Verzweiflung der Patienten nutzen viele Firmen schamlos aus. „Es gibt zahllose Medikamente, spezielle Audio-Therapien oder Behandlungsmöglichkeiten, die viel versprechen, einen Haufen Geld kosten und nichts bringen“, sagt Slama. Aber es gibt dennoch Möglichkeiten, dem Tinnitus entgegenzuwirken: „Tauchen, Laufen oder Fahrrad fahren – Sport im Allgemeinen ist sinnvoll, um die Geräusche sozusagen zu übertönen“, sagt er. Und Musik hören. „Ganz wichtig für uns ist auch Entspannung“, sagt Sabine Schröder. In der Gruppe veranstalten sie neben Yoga und Meditationstechniken auch Kreativnachmittage. „Wir fahren auch mal ins Museum oder gehen Kaffee trinken. „Im Prinzip ist alles gut, was ablenkt“, sagt Schröder.

Um weiter über das Thema zu informieren, spricht Assistenzärztin Dr. Nora Weiß aus der HNO-Klinik der Unimedizin am 22. Juni in der Gruppe. „Bei der letzten Veranstaltung dieser Art hatten wir über 80 Besucher“, sagt Gerhard Schmager von der Selbsthilfegruppe Ohrwurm.

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