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20. November 2017 | 16:45 Uhr

Gemeinsam bauen, gemeinsam leben

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erstellt am 02.Jul.2013 | 06:51 Uhr

Petriviertel | Fünf Zimmer, eine Küche, zwei Bäder, 114 Quadratmeter, Erdgeschoss, Blick auf die Warnow - Katrin Wrobel hat ihre Wohnung im Petriviertel schon vor Augen. Und das, obwohl der Bau noch gar nicht begonnen hat. "Wie, Ihr habt immer noch nicht angefangen?", fragen Verwandte, Freunde, Bekannte der 40-Jährigen, denn die Planungsphase startete bereits vor drei Jahren. Manche von ihnen können nicht verstehen, dass sich Wrobel mit ihrem Partner und ihren drei Kindern auf so etwas eingelassen hat: eine Baugemeinschaft von Einzelbauherren, die sich "Die Bröker" nennt.

Ziel der Bröker ist es, im Petriviertel gemeinsam eine Anlage mit 23 Eigentumswohnungen zu errichten, in die sie selbst einziehen wollen. Die Wohnungen sind mit Größen von 60 bis 170 Quadratmetern und individuellen Grundrissen geplant. Es entstehen Geschoss- und Maisonette-Wohnungen sowie Stadt- beziehungsweise Reihenhäuser nach den Wünschen und Bedürfnissen der Bauherren. Auch ein Gemeinschaftsraum und ein gemeinsamer Innenhof sind vorgesehen. Denn: Gemeinschaft ist den Brökern, zu denen Singles, Paare, Familien, Alleinerziehende und Senioren gehören, wichtig.

Mitbestimmung bis ins Detail

Schon von Beginn der Planungsphase an treffen sich die Bauherren monatlich, um sich zu beraten und Entscheidungen zu treffen. Außerdem haben sich Arbeitsgruppen gebildet. "Mitbestimmung bis ins Detail - das ist es, was das Projekt ausmacht", sagt Katrin Wrobel. Dadurch haben sich die künftigen Nachbarn bereits gut kennengelernt. "Sie sind alle sympathisch", sagt die Rostockerin, deren Wunsch es ist, dass die Bröker auch in Zukunft nach einander schauen. Und dass die Kinder miteinander spielen. Eine intensive Nachbarschaft und kein anonymes Nebeneinander soll entstehen.

"Es gibt eine ganze Zahl Leute, die etwas anderes suchen als das, was der normale Immobilienmarkt zu bieten hat", sagt Martin Paetzold von Cubus Architekten, der das Projekt gemeinsam mit einem anderen Architekturbüro betreut. Das Bauen und Wohnen in der Gruppe liege im Trend. Vor allem in Großstädten wie Berlin und Hamburg sei es en vogue. In Rostock gebe es jedoch bislang erst ein anderes Projekt dieser Art: den Lindenhof, in dem der Architekt selbst seit 2007 wohnt. Verabschiedet habe sich seitdem noch keiner aus dieser Gemeinschaft. "Die Nachbarschaft ist intakt", sagt Paetzold. Zum Beispiel gebe es immer wieder gemeinsame Feste und Arbeitseinsätze.

Seiner Erfahrung nach ticken die Leute, die sich wie Katrin Wrobel und ihr Partner für die Mitgliedschaft in einer Baugemeinschaft entscheiden, alle ähnlich. Zur traditionellen Klientel gehörten Familien, die für ihre Kinder Spielgefährten im gleichen Alter suchen. Aber auch Ältere, die vom Land in die Stadt zurückkehren und nicht anonym leben wollen. Was alle eine, sei die Lust auf Gemeinschaft, die Lust, sich mit anderen auseinanderzusetzen. Das heißt aber auch: "Man muss bereit sein, sich auf einen Prozess einzulassen", sagt der Rostocker. Außerdem tragen die Bauherren selbst das Risiko, denn es gibt keine Festpreis-Garantie.

Planung erfordert viel Aufwand und Geduld

Doch nicht nur für die Eigentümer, sondern auch für die Architekten bedeutet das Bauen in der Gruppe viel Aufwand. Denn sie planen 23 individuelle Wohneinheiten und kein großes Haus. Darüber hinaus kümmern sie sich auch um die Vermarktung des Projekts. Derzeit suchen sie noch einen Bauherren für die letzte freie Wohnung in der Anlage. Paetzold stellt sich gern den Herausforderungen, die die Baugemeinschaft mit sich bringt. "Es ist spannend, weil am Ende etwas Besonderes dabei rauskommt", sagt er. Die Idee sei auf jeden Fall ein Gewinn, eine Bereicherung des Immobilienmarktes. Auch Katrin Wrobel, die derzeit noch mit ihrer Familie in einer Mietswohnung lebt, ist nach wie vor überzeugt von der Entscheidung, Mitglied der Bröker zu werden. Kritische Nachfragen konnten ihren Partner und sie nicht davon abbringen. Genauso wenig wie die Kompromisse, die sie eingehen mussten. Aus Kostengründen mussten sie zum Beispiel auf einen Kamin verzichten. "Man kann eben nicht alles umsetzen, wie man es möchte", sagt die Sozialpädagogin. Auch müsse man viel Geduld mitbringen, denn ein Projekt wie "Die Bröker" sei nicht innerhalb eines Jahres auf die Beine gestellt. "So hat man Zeit, in Ruhe zu überlegen."

Mittlerweile ist der Baubeginn am Gerberbruch jedoch in Sicht. Ende Juli soll es losgehen. Schon jetzt sind die Bröker öfter mal vor Ort und beobachten, was sich im Petriviertel tut. "Alle sehnen sich danach, dass man was sieht", sagt Martin Paetzold. Einzugstermin ist voraussichtlich im Frühjahr 2015.

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