Tag der Genossenschaften : Geld bekommt ein Gesicht

<strong>Lebt für die Genossenschaft:</strong> Lutz Reinhard <foto>Torsten Roth</foto>
Lebt für die Genossenschaft: Lutz Reinhard Torsten Roth

svz.de von
27. Juni 2012, 07:36 Uhr

Plau | Auf die Idee lässt er nichts kommen. "Das sichert Jobs", meint Lutz Reinhard und blickt über den Gerstenschlag seiner Agrargenossenschaft in Plauerhagen. Goldgelb wiegen sich die Ähren im Wind - Getreide, so weit das Auge reicht. "In wenigen Wochen ist es reif", erklärt der Vorstandsvorsitzende der Agrarvereinigung Plauerhagen. Dann wird Reinhard gemeinsam mit seinen 25 Genossenschaftsmitgliedern und den 32 Beschäftigten die Arbeit des Jahres vom Feld holen - wie zuvor die fast 30 Jahre, die der 62-Jährige in Plauerhagen in der Genossenschaft ist, wie zuvor seit 1958, als sich die Bauern im Ort damals auf Druck der DDR-Oberen zur ersten Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft "Neues Deutschland" (LPG) zusammengeschlossen haben.

Rückschau am Feldrand: Dabei schienen vor 20 Jahren die Agrargenossenschaften in den neuen Ländern zum Auslaufmodell zu werden. "LPG waren damals verpönt", erinnert sich Reinhard. LPG in der DDR, die standen für Zwangskollektivierung, sozialistischen Frühling in der Landwirtschaft, für die von Fachleuten einst kritisierte Trennung von Pflanzen- und Tierproduktion, für Kooperative Abteilungen Pflanzenproduktion, aber auch für ein soziales System in den Dörfern. "Das Solidarprinzip wurde mit Sozialismus gleichgesetzt", kritisiert Reinhard. Die von den alten Ländern dominierte Agrarpolitik legte den Rechtsnachfolgern Felsen in den Weg und versuchte die Betriebe zu zerschlagen. Auch die Berater aus dem Westen orientierten lieber auf andere Rechtsformen. Zwei Jahrzehnte später sind Genossenschaften wieder im Aufwind, beobachtet Reinhard - ein neuer Gründungsboom. Seit vor mehr als 150 Jahren die beiden deutschen Genossenschaftsgründer Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch gezeigt hatten, dass Landwirte und Handwerker beim Einkauf, der Kreditbeschaffung und auch beim Absatz von Waren gemeinsam mehr erreichen könnten, findet die Idee wieder Zuspruch - auch in Plauerhagen.

Der Ort lebt mit seiner Genossenschaft - heute wie in den vergangenen 50 Jahren. Kindergarten, Gaststätte, Wohnungen, Einkaufsladen, Dorfküche, Werkstatt - der Agrarbetrieb baute überall mit. "Wir suchten Arbeitskräfte, da musste die Versorgung gesichert werden", erinnert sich der alte LPG-Vorsitzende. Zum Teil heute noch: Nicht alles habe man retten können. Doch, den Kindergarten gibt es noch immer im Dorf, den Laden auch, ebenso die Werkstatt - teilweise mit Hilfe der neuen Agrarvereinigung ausgebaut und privatisiert. Der Betrieb habe sich gesundschrumpfen müssen, erklärt Reinhard - ohne größere Kündigungswellen, ist der alte und neuen Chef stolz. 157 Mitglieder zählte die LPG in Plauerhagen einst. Viele junge Leute wechselten in den 90er-Jahren einfach in die boomende Baubranche. In keinem anderen Bereich war der Strukturwandel nach der Wende so radikal wie in der Landwirtschaft. Während seine LPG im Landkreis Ludwigslust-Parchim bis 1989 trotz aller Zwänge ein Hort der dörflichen Solidarität war, sei für die heutige Agrarvereinigung MIFEMA der Kampf um karge Gewinne in einem globalen Wettbewerb bestimmend. Eines ist aber geblieben: Es gebe in der Genossenschaft eine größere Fürsorgepflicht als in anderen Unternehmensformen. Und: "Wir stehen für sichere Arbeitsplätze vor Ort", erklärt der Betriebschef.

Neue Sozialstandards auf dem Land: Trotz aller Einzelschicksale und Frust über die erzwungene LPG-Gründung - mit den Genossenschaften seien der geregelte Urlaub und andere Sozialleistungen in die Landwirtschaft gekommen, wirbt Reinhard für das Unternehmensmodell. Angesichts eines zügellosen Wachstums, der grenzenlosen Ausbeutung von Rohstoffreserven, des prekären Umgangs mit der Natur sei "das Genossenschaftswesen an sich und die Agrargenossenschaft als dessen Bestandteil die Alternative zum Raubbaukapitalismus", meint der Landwirt. "Höchstgewinne machen wir nicht, aber wir haben unser Auskommen. Geld ist nicht alles." Man muss es mögen: Gute Betriebsleiter würden sicher in anderen Unternehmen mehr verdienen können, weiß der 62-Jährige. Reinhard und seinen Genossenschaftsmitgliedern reicht es: Die Genossenschaft ziele auf den Menschen, meint er - das Geld bekomme ein Gesicht.

In weiteren 159 Agrargenossenschaften in MV auch. Nach anfänglichem Widerstand: Sie hätten sich in MV als gleichberechtigte Rechtsform etabliert, meint Martin Piehl, Hauptgeschäftsführer des Bauernverbandes MV - vor allem als Jobmotor auf dem Land: Genossenschaften würden inzwischen mehr Flächen bewirtschaften als Einzelunternehmen und in der Regel mehr Menschen beschäftigen als andere Agrarbetriebe.

"Ganz schön klein sind die Körner noch", zeigt Reinhard auf die Ähren im Gerstenschlag. "Zu wenig Regen in den letzten Wochen", meint der Landwirt. Ernteprognosen mag er noch nicht abgeben. Aber eines weiß er: "Genossenschaftsmitglied würde ich immer wieder werden wollen", sagt Reinhard. "Es ist die gerechtere Wirtschaftsform."

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen