Premiere : Geheimnisse, die wir nur erahnen

In „Dracula“ spielen Andreas Schulz als Jonathan Harker, Andreas Petri als dunkler Graf und Bettina Burchard als Mina.
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In „Dracula“ spielen Andreas Schulz als Jonathan Harker, Andreas Petri als dunkler Graf und Bettina Burchard als Mina.

Gelungene erste Vorstellung von „Dracula“ am Rostocker Volkstheater zwischen düsterer Atmosphäre und gutem Humor

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03. März 2014, 06:00 Uhr

„Es gibt Geheimnisse auf dieser Welt, die wir nur erahnen können“, heißt es von Van Helsing – nun, das Premierenpublikum am Sonnabend bei „Dracula“ im Volkstheater Rostock konnte sie mehr als erahnen, machte sich aber dennoch mit Rechtsanwalt Jonathan Harker (Andreas Schulz) auf den Weg, „wir verließen den Westen, überquerten die Grenze zum Osten“. Die Zuschauer landeten in den Karpaten in Siebenbürgen – Transsilvanien – bei einem überzeugenden und charismatischen Dracula (Andreas Petri), der seine Opfer durch eine bloße Handbewegung gefügig macht, sie in Ekstase versetzt und doch gequält ist von seinem eigenen Sein. Nur die sanfte Mina (Bettina Burchard), die Verlobte Harkers, die seiner alten Liebe gleicht, könnte ihm ein Trost sein.

Als Bram Stokers Stoff 1908 als deutschsprachige Ausgabe erschien, hieß es, er sei nichts für Schwachnervige. Das ist von Anja Panses Theaterfassung nicht zu behaupten. Was schockiert das heutige, vom Schock nun mal übersättigte, Publikum schon noch? – Anja Panse legte es nicht darauf an, sondern präsentierte das, wofür die Zuschauer kamen – ein aufwändiges Schauspiel von „Dracula“. Sie setzte auf dramatische Dialoge, monumentale Kulissen wie eine steinerne Kapelle, das Schloss des Grafen, eine Irrenanstalt und auf Atmosphäre. Als sich der Raum verdunkelte, die Nebelschwaden aufstiegen, die gerade erst erwachte Vampirfrau Lucy (Franziska Reincke) nur noch in ihren Umrissen zu erkennen war, stockte manchem der Atem.

Aber was die Regisseurin durch Atmosphäre erschuf, lockerte sie immer wieder durch humoristische Elemente auf, die beim Premierenpublikum funktionierten – vom Staub auf dem Tischtuch des rumänischen Gastwirtes (Daniel Wagner) in der ersten Szene bis zur Blut trinkenden, undurchschaubaren Van Helsing (Judith van der Werff) – geschmückt mit der Serienanspielung „True Blood“ in der letzten Szene. Auch mit der Dramatik der Effekte wurde nicht gespart – ein völlig mit Blut übersäter Arthur Holmwood (Daniel Wagner), das dumpfe Geräusch des herabfallenden Kopfes seiner Verlobten Lucy, totgeschlagene Fische, Schüsse. Passend dazu war das gesamte Theater vom Grabstein am Einlass, bis zu Bar, Einlasserinnen und bis zur Deko im Vampirfieber.

Publikumslieblinge waren Thomas Lettow, der einen glaubhaften Dr. Jack Seward gab – verliebt, gutmenschenhaft, wissbegierig – und Ulrich K. Müller, der seinen Patienten Renfield mimte. Vom Leid, zugefügt durch seinen sadistischen Wärter (David Schirmer), über Wahnsinn bis zur Mordlust nahmen die Zuschauer ihm seine Emotionen ab. Die achtjährige Meena Lüthke hätte den Niedlichkeitsbonus nicht mal gebraucht, völlig professionell bewegte sie sich in der Rolle der kleinen Florica auf der Bühne und ließ sich von den drei lüsternen, energischen Vampirfrauen aussaugen.

Weitere Termine: 7., 27. März, 4. und 17. April jeweils um 19.30 Uhr

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