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Erich Kleist aus Bentwisch wird heute 100 Jahre alt : Fünfeichen und Sibirien überlebt

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Die Geschichte mit den Särgen von Fünfeichen hat Erich Kleist nie vergessen. Wie so viele Erlebnisse aus seiner fünf Jahre dauernden Odyssee durch die Lager des sowjetischen Geheimdienstes nach dem Zweiten Weltkrieg.

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erstellt am 24.Feb.2012 | 10:54 Uhr

Bentwisch | Die Geschichte mit den Särgen von Fünfeichen hat Erich Kleist nie vergessen. Wie so viele Erlebnisse aus seiner fünf Jahre dauernden Odyssee durch die Lager des sowjetischen Geheimdienstes NKWD nach dem Zweiten Weltkrieg. Kurz nachdem Kleist im Juli 1945 in Fünfeichen angekommen war, wurde der gelernte Möbelbauer der Tischlerei zugewiesen. Seine Aufgabe: Särge für die Lager-Toten zu zimmern. "Ein bis zwei Särge kamen pro Tag zusammen. Anfangs starben noch nicht so viele Kameraden", erinnert sich Kleist.

Das sollte sich schnell ändern: Wenig später waren es sechs bis acht Särge, die im nahen Wäldchen beigesetzt wurden. Und spätestens mit den kalten Tagen, als nicht nur das Holz knapper wurde, sondern Hunger, Krankheiten und Entbehrungen immer mehr Frauen und Männer - bis zu 50 am Tag - dahinrafften, sparte sich die Lagerverwaltung die Särge.

Die Leichen wurden übereinandergestapelt

Die Leichen wurden in ihren Lumpen auf Pferdewagen geschmissen und in Massengräbern verscharrt. "Die mittlerweile große Zahl von Toten ließ die Anfertigung entsprechender Holzsärge aus Sicht der Russen nicht mehr sinnvoll erscheinen", schreibt Hans-Joachim Klugmann, der vor einigen Jahren Kleists Erinnerungen unter dem Titel "Schuldlos schuldig" in einem Buch zusammengefasst hat.

Nur um einmal herauszukommen aus dem Lager, bat Kleist einen Kameraden, ihn im Beerdigungskommando vertreten zu dürfen. Auch diesen Anblick wird der 100-Jährige nie vergessen: Zwölf Häftlinge zogen den Pferdewagen zweimal täglich vom Lager bis zum Friedhof. "10 bis 20 Leichen waren übereinandergestapelt und wurden dann einfach abgekippt", sagt Kleist, während er mehr als 65 Jahre später in seinem Lieblingssessel im eigenen Wohnzimmer sitzt. Das Häuschen in Bentwisch hat er 1954 mit eigenen Händen gebaut. Seit dem Tod seiner Frau Elisabeth wohnt er allein. Das Altersheim bleibt ihm erspart, dank seines ältesten Sohnes Harry und dessen Frau, die sich liebevoll um den Vater kümmern.

Die fünf Lager-Jahre in Fünfeichen und Sibirien waren die einzigen Jahre, die Kleist für längere Zeit von seiner Heimatregion Rostock wegführten. Am 24. Februar 1912 wurde er in Rövershagen nahe der Hansestadt geboren. Sein Vater war Forstarbeiter, seine Mutter kümmerte sich um die fünf Kinder und den Haushalt. Schon die Weltwirtschaftskrise traf die Familie hart. Nach acht Jahren Schule blieb dem jungen Erich nichts anderes als die Arbeitslosigkeit. 1927 begann er seine Lehre als Tischler. Doch gleich nach dem Abschluss der Lehre gab es erneut keinen Job, ein Schicksal, das er Anfang der 1930er-Jahre mit Millionen Deutschen teilte. Da mussten die Versprechungen Adolf Hitlers auf fruchtbaren Boden fallen, auch bei Kleist. Nachdem sein Nachbar mit dem neuen NSDAP-Parteibuch prompt eine Arbeit bekam, trat auch er der Partei bei. "Ein Entschluss, dessen Tragweite ein junger Mensch kaum ermessen konnte. Viel eher den Arbeitern - schon wegen der Arbeiterfamilie, der er entstammte - zugetan, sah er in der ,Bewegung erst einmal eine Chance, sein Leben endlich in die eigenen Hände zu nehmen", erklärt Klugmann in seinen biografischen Notizen über Kleist.

Der junge Mann hatte doppeltes Glück: Er bekam nicht nur einen Arbeitsplatz in der Tischlerei der Heinkel-Flugzeugwerke in Rostock-Marienehe. Da der Betrieb Militärflugzeuge baute, blieb ihm bis auf wenige Monate an der französischen Grenze der Fronteinsatz erspart. In der Zwischenzeit hatte er 1937 seine Frau Elisabeth auf dem Tanzboden kennengelernt und geheiratet. Wenig später werden die beiden Söhne geboren.

Mann aus Bentwisch im Jahr 2000 rehabilitiert

Kleists Augen, die sonst immer wieder aufblitzen, schauen jetzt traurig. Gleich danach erzählt er wieder lebhaft gestikulierend. Eine Begebenheit, die sich ebenfalls tief eingebrannt hat: Am 10. Juli 1945, dem sechsten Geburtstag seines ältesten Sohnes, wurde Kleist verhaftet, vom deutschen Dorfpolizisten und einem Rotarmisten. Der Vorwurf: Er sei ein "Zellenleiter" gewesen. Mit der Pistole an der Schläfe sollte er beim Verhör gestehen. In Wahrheit war Kleist Parteibeitrags-Kassierer seines Wohnblocks in Bentwisch. Doch das Urteil stand wohl schon vor dem Verhör fest: Sonderlager Fünfeichen. Im Güterzug gen Neubrandenburg gelang es ihm, einem Unbekannten einen Zettel am Bahnübergang Bentwisch zuzuwerfen mit einem Gruß an Elisabeth und der Nachricht, dass es wahrscheinlich nach Fünfeichen gehen wird. "Bring es bitte zu Kleist", brüllte er dem Passanten noch zu. Erst 1950 - nach der Heimkehr - erfuhr er, dass die Nachricht angekommen war.

Knapp 5000 der 15 000 Internierten starben während der Haftzeit im Sonderlager 9. Kleist überlebte, aber 1947 begann die zweite Etappe seiner Lagerzeit. Im Januar gingen etwa 700 Internierte auf den "Pelzmützentransport" nach Stalinsk in Sibirien. Die Deportierten wurden vor dem Start neu eingekleidet, um die lange Fahrt zu überstehen. Jeder erhielt auch eine Pelzmütze - daher die Bezeichnung. Historiker schätzen, dass ab 1947 bis zu 30 000 NKWD-Häftlinge aus der Sowjetischen Besatzungszone in Gulags kamen.

Mit traurigem Blick blättert Kleist einen Stapel vergilbte Postkarten durch. Für jeden Monat Lager in Sibirien eine Karte an Elisabeth, die erst 1948, ein Jahr nach der Ankunft in Russland, vom Schicksal ihres Mannes erfuhr. "10.1.48. Meine liebe gute Frau! Liebe Jungs! … was möchte ich wohl alles von Euch erfahren! Ich arbeite in der Tischlerei, mir geht es gut." Das war natürlich geschönt, Kritisches wäre wohl kaum durch die Post-Zensur gegangen. In Wahrheit litten die Internierten auch im Lager 7525/13 in Stalinsk, mehr als 5700 Kilometer von der Heimat entfernt, unvorstellbare Qualen. Die strengen Winter forderten ihren Tribut. Anfang 1949 entging Kleist knapp dem Tod. Wassersucht, Lungen- und Rippenfellentzündung führten zu einem mehrwöchigen Lazarettaufenthalt, wobei sich die Ärzte aufgrund der Medikamentenknappheit auf Hausmittel wie heiße Umschläge beschränkten.

Kleist legt die alten Karten auf den Schrank im Wohnzimmer, den er in den 1950er-Jahren selbst gebaut hatte. Trotz der schlimmen Erfahrungen kann er den verlorenen fünf Jahren noch Positives abgewinnen: "Den eigenen Leuten, den russischen Verbannten, die oft für 10 oder 20 Jahre verurteilt waren, ging’s noch viel schlimmer als uns."

Am 3. Mai 1950 fanden die Lagertorturen ein Ende. Mit rund 1000 Kameraden im Güterzug traf Kleist in Frankfurt/Oder ein. Neben dem Entlassungsausweis gab es allerdings auch ein Dokument, das jedem Internierten bei Strafe erneuter Lagerhaft untersagte, über die Erfahrungen zu sprechen. Erst 1989 konnte sich Kleist mit den noch lebenden Schicksalsgenossen bei den Treffen der Arbeitsgemeinschaft Fünfeichen austauschen. Nach vielen Anläufen wurde er elf Jahre später rehabilitiert.

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