Küstenschutz : Forscher setzen aufs Moor

Im Küstenmoor notiert Franziska Koebsch ihre Messwerte. Fotos: Julia Tetzke
1 von 2
Im Küstenmoor notiert Franziska Koebsch ihre Messwerte. Fotos: Julia Tetzke

Das Naturschutzgebiet Heiligensee und Hütelmoor dient den Wissenschaftlern der Uni Rostock als Testgebiet

svz.de von
01. September 2015, 16:00 Uhr

Das Naturschutzgebiet (NSG) Heiligensee und Hütelmoor zwischen Markgrafenheide und Rosenort stellt die Forscher der Uni Rostock vor ein Rätsel. Dr. Gerald Jurasinski untersucht seit sieben Jahren, welche Pflanzen in dem Überflutungsgebiet wachsen und welche klimaschädlichen Gase das Moor ausstößt. Doch die Ergebnisse sind nicht die erwarteten. „Hier besteht definitiv noch Forschungsbedarf“, sagt Jurasinski. „In den ersten Jahren haben sich die Methan-Emissionen nicht so entwickelt, wie wir uns das wünschen würden.“

Der vorherrschenden Lehrmeinung zufolge sollte eine hohe Sulfatkonzentration, die in Folge der Überschwemmungen mit Ostseewasser entsteht, eigentlich die Produktion des Klimakillers hemmen. Stattdessen haben er und sein Team Werte gemessen, die im Vergleich mit ähnlichen Standorten in der Welt sehr hoch gewesen seien. „Unsere Untersuchungen deuten darauf hin, dass ein großflächiger Zusammenbruch der Vegetation, kombiniert mit starken Veränderungen der Torf- und Wasserchemie, ausschlaggebend für diese starken Methan-Emissionen waren“, sagt der Forscher. Inzwischen verzeichnet er eine kontinuierliche Abnahme des Gases in dem Naturschutzgebiet. „Wir haben das Ende aber noch nicht erreicht.“ Auf der Grundlage von Erfahrungen mit länger wiedervernässten Mooren wie etwa im Trebeltal rechnet er erst in fünf bis zehn Jahren mit einem Einpegeln des Systems.

Das NSG Heiligensee und Hütelmoor gilt als Modellregion. Die Forscher wollen hier ergründen, ob durch den Menschen angelegte Schutzbauten wie Deiche und Dämme oder natürliche Ökosysteme wie das Küstenmoor angesichts des vorhergesagten Anstiegs des Meeresspiegels die beste Lösung sind. Für Jurasinski ist es interessant zu beobachten, „wie sich ein Ökosystem durch menschliche Eingriffe verändert und wie lange Anpassungsprozesse andauern“. Das Küstenmoor wurde seit Ende der 60er-Jahre entwässert und bis zur Wende landwirtschaftlich genutzt. Die aktive Entwässerung durch Pumpen wurde 1992 eingestellt. „Das Moor wurde aber nicht wie erwartet wiedervernässt“, so der Wissenschaftler. Deshalb habe das damalige Staatliche Amt für Umwelt und Natur beschlossen, den Hauptentwässerungsgraben mit einer Sohlschwelle zu verschließen.

Zur Vorbereitung dieser Maßnahme wurde im Herbst 2003 der Ringdeich Markgrafenheide um den Heideort gezogen. Danach wurde die Unterhaltung der Küstenschutzbauwerke, also der Buhnen und der Küstenschutzdüne, im Strandabschnitt von Markgrafenheide bis zum Rosenort aufgegeben. Das Naturschutzgebiet wurde dann im Winter 2009 durch den Einbau einer Sohlschwelle wiedervernässt. Seitdem ist auch im Sommer der Wasserstand ausreichend hoch. „Über 30 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen in Mecklenburg-Vorpommern kommen in Form von Kohlendioxid aus entwässerten Mooren. Deswegen sind Wiedervernässungen eine wichtige Option zur Verbesserung der Klimabilanz des Landes“, sagt Jurasinski. „Nach Wiedervernässung ist allerdings mit einem erhöhten Ausstoß von Methan zu rechnen, ebenfalls ein bedeutendes Treibhausgas.“

Die Untersuchung der tatsächlichen Prozesse sei daher von großer Bedeutung für das zukünftige Management von Moorstandorten. Künftig sollen dabei zwölf Doktoranden helfen, die im Graduiertenkolleg Baltic Transcoast tätig sind. Das Geld für das Forschungsprojekt haben die Uni Rostock und das Leibniz Institut für Ostseeforschung Warnemünde bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft eingeworben. Ziel der Wissenschaftler ist es, die Wechselwirkungen zwischen Land und Meer an der deutschen Ostseeküste zu ergründen. Das Projekt bildet einen zentralen Baustein beim Ausbau des Standortes Rostock zum Zentrum für Küstenforschung.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen