Eiszeit-Riesen aus dem Erdreich geborgen : Findlings-Boom auf Rügen

Geologe Rolf Reinicke nimmt bei Scharpitz auf Rügen die gerade erst aus dem Erdreich geborgenen Findlinge in Augenschein. Die Steine waren entlang der Trasse der neuen B96n aus bis zu zwölf Metern Tiefe geborgen worden. ralpf sommer
Geologe Rolf Reinicke nimmt bei Scharpitz auf Rügen die gerade erst aus dem Erdreich geborgenen Findlinge in Augenschein. Die Steine waren entlang der Trasse der neuen B96n aus bis zu zwölf Metern Tiefe geborgen worden. ralpf sommer

Für Rügen-Fans und Umweltschützer sind die gigantischen Baugruben entlang der künftigen B 96 ein Graus, aber sie sind auch Fundgruben der ganz besonderen Art: Denn es wurden Eiszeit-Riesen aus dem Erdreich geborgen.

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25. Mai 2012, 10:31 Uhr

Bergen | Für Rügen-Fans und Umweltschützer sind die gigantischen Baugruben entlang der künftigen B 96 ein Graus. Rolf Reinicke, pensionierter Gesteins-Experte, sieht sie mit gemischten Gefühlen. Denn sie sind auch Fundgruben der ganz besonderen Art: "Da freut sich der Geologe", sagt der Geologe begeistert.

Das Ergebnis aus einem Jahr Baggerbuddelei lockt derzeit manchen Findlings-Freund nach Scharpitz. Am Rande der Trassenbaustelle im Süden der kleinen Inselgemeinde sind Hunderte, teilweise tonnenschwere eiszeitliche Riesen abgelegt. Mit schweren Baggern, Radladern und Raupen wurden die viele hundert Millionen Jahre alten Gesteinsbrocken in den vergangenen Monaten aus bis zu zwölf Metern Tiefe aus dem Erdreich freigelegt. So etwas, schwärmt Reinicke, bekomme man in dieser Menge nur noch selten zu Gesicht. Denn im Laufe der Jahrhunderte verschwanden die oberflächigen Findlinge aus der norddeutschen Landschaft. Doch unter der Erdoberfläche, bis 100 Meter tief verborgen, liegen die geologischen Zeitzeugen der Erdgeschichte noch massenhaft in den eiszeitlichen Ablagerungen. Nur Großbauprojekte wie zuletzt die Vertiefung der Strelasund-Fahrrinne, der Ausbau des Fährhafens in Mukran oder der Bau der A 20 förderten in der Gegenwart noch solche Steinkolosse zutage.

Der neue bemerkenswerte Findlingsfund von Rügen erfasst nahezu die gesamte Gesteinspalette. Reinicke klettert über einen mehr als zwei Tonnen schweren Bornholm-Granit, begutachtet einen Quarzit und zeigt auf goldglänzenden Glimmer eines verwitterten Gneis-Blocks. Schließlich findet er Interessantes an einem 480 Millionen Jahre alten Kalkstein, den einst der Eispanzer von der schwedischen Insel Öland hierher geschoben hatte: "Das ist der fossile Rest eines 15 Zentimeter großen Kopffüßers", erklärt der Experte.

Spannende Geschichten über die steinernen Veteranen weiß Rolf Reinicke viele zu erzählen. Der 68-jährige Geologe, Landschaftsfotograf und vielfache Buchautor hat gerade erst seinen neuesten Band "Steine in Norddeutschland" (Demmler Verlag; ISBN: 978-3-910150-96-6) veröffentlicht, ein reich bebildertes Handbuch, das besonders Amateuren und Geologie-Fans zu empfehlen ist.

"Findlinge spielten im Laufe der kulturgeschichtlichen Entwicklung wichtige Rollen", sagt Reinicke. Vor etwa 5000 Jahren arrangierten die Vorfahren der norddeutschen Findlinge zu Großsteingräbern, den so genannten Hünengräbern. Im Mittelalter wurden die über die Felder verstreuten Steine eingesammelt und als Baumaterial verwendet. Je tiefer gepflügt wurde, desto mehr Steine kamen zum Vorschein. Aus ihnen entstanden unverwüstliche Straßenpflaster, aber auch Feldsteinscheunen, -kirchen und -mauern, von denen einige bis heute erhalten blieben, darunter die Neubrandenburger Stadtmauer und die Feldsteinkirche von Neetzka. Später wurden die Steine mit Fäustel und Meißel bearbeitet. Der inzwischen längst vergessene Beruf der Steinschläger hielt sich bis Anfang des 20. Jahrhunderts. Dann wurden die Feldsteine abgelöst durch Material, das in Steinbrüchen formatiert und mit der Eisenbahn auch zu entfernteren Baustellen gebracht wurde. In Norddeutschland wurden aus großen Findlingen Gedenksteine für die Opfer des Ersten Weltkriegs. In der Neuzeit kippte man die Feldfunde in Sölle, verwendete sie für Molen oder bepflanzte Trockenmauern. Längst seien die inzwischen rar gewordenen Eiszeitrelikte bei Häuslebauern wieder sehr begehrtes Bau- und Dekorationsmaterial für Vorgärten, sagt Reinicke. Baumärkte haben sich auf den neuen Boom eingestellt und bieten bereits angekaufte Findlinge an. Einige Baufirmen spezialisierten sich sogar auf die Errichtung attraktiver Feldsteinmauern. Auch für die jetzt auf Rügen geborgenen und mit roten Punkten markierten Steinriesen von Scharpitz gibt es schon eine Verwendung: "Wir werden sie zu gestalterischen Zwecken entlang der neuen Schnellstraße einsetzen", bestätigt DEGES-Projektleiter Joachim Rascher.

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