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24. November 2017 | 05:02 Uhr

Filmteam dreht mit Fischer Ruschau

vom

svz.de von
erstellt am 03.Jul.2013 | 08:27 Uhr

Warnemünde | Die meisten Warnemünder kennen Karl-Heinz Ruschau als Fischer und Kutterkapitän. Dass der 80-Jährige 1987 auch Darsteller im Dokumentarfilm "From Marks & Spencer to Marx and Engels" von Amber Films gewesen ist, haben die wenigsten im Ostseebad gewusst. Denn die Dreharbeiten zwei Jahre vor dem Mauerfall waren eine Besonderheit. Das Filmteam stammte aus dem englischen Newcastle. Im Mittelpunkt der Idee von Amber Films standen Menschen aus dem real existierenden Sozialismus: Kranführerinnen, Produktionsarbeiterinnen aus der Fischereigenossenschaft und Kutterführer Karl-Heinz Ruschau, der wie viele Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) war. Sie alle sollten vor der Kamera über ihr Leben und ihre Arbeit erzählen.

Viele Beteiligte waren mehr oder weniger vorsichtig dabei. Ruschau erzählte ziemlich ungeschminkt über sein Leben. Kurz nach der Erstaufführung 1988 verschwand der Film. Weitere Aufführungen sagen die DDR-Oberen kurzfristig ab. Zu brisant das Material, die unzensierte Sprache der Mitwirkenden löste bei ihnen Furcht aus.

Film-Crew will über die 20 Jahre nach erstem Dreh berichten

Jetzt ist der Ton-Mann von Amber Films, Richard Grassick, zurückgekommen und auf die Suche nach den Protagonisten von damals für eine Nachfolge-Dokumentation. Er hat mit Beatrix Wuppermann die Bremer Firma Moving Films gegründet. Die neue Dokumentation ist ein Kooperationsprojekt von Amber Films und Moving Films. "Ruschaus haben wir schnell im Telefonbuch gefunden und sie wohnen noch an gleicher Adresse", sagt Wuppermann. Die Ruschaus reagieren wie damals auf das neue Vorhaben - offen und freundlich. Und sie helfen mit, die anderen Darsteller von früher zu finden. "Einige haben wir bereits mit Hilfe anderer Menschen ausfindig gemacht", sagt Grassick.

In den nächsten Tagen besucht er mit Wuppermann die ehemaligen Kranführerinnen der Warnow-Werft Magdalene Junge, Simone Pawlitz, Cornelia Ulbricht und die ehemalige Arbeiterin der Fischereiproduktionsgenossenschaft Britta Kitzerow-Klakow. "Zwei Frauen suchen wir noch, sie waren in der Fischereiproduktionsgenossenschaft", sagt er. Wenn alle gefunden sind, sollen im September die Dreharbeiten für den zweiten Teil starten. Es geht um das Einfangen von Erlebnissen und Gedanken aus der Zeitspanne vor dem Mauerfall bis jetzt. "Wir wollen wissen, wie es den Teilnehmern von damals ergangen ist", sagt Wuppermann, die sich um Fördermittel für das Projekt bemüht. Da ist die Geschichte der Fischereigenossenschaft, die nach der Wende geschlossen wurde. Und das persönliche Schicksal von Ruschau, der im besten Alter plötzlich seine Arbeit verlor. 1990 wusste niemand, was aus den Fischern beruflich wird. Aus diesem ersten Material wird ein Drehbuch für den zweiten Teil geschrieben, dessen Arbeitstitel "Die Angst vor dem offenen Wort" und intern "Unzensiert" lautet.

Dabei treten die Amber-Filmleute Grassick, Ellin Hare und Peter Roberts selbst vor die Kamera. Der Einzige, der fehlt, ist der 2007 verstorbene Martin Murray. Das Filmteam erzählt vom Dreh 1987. Etwa, wie eine Kaufhalle mit frischen Waren aufgefüllt wurde, damit es im Film besser rüberkommt. "Das hatte sich schnell herumgesprochen und wir haben extra gewartet, damit die Leute die seltenen Waren kaufen können", erzählt Grassick schmunzelnd. Später wurde der Fischer Ruschau zur Aufführung nach Newcastle eingeladen. Die Parteifunktionäre sagten unter dem Vorwand ab, Ruschau sei schwer erkrankt. Als die Filmleute Grüße zur Genesung schicken, fliegt der Schwindel auf. "Ich wäre doch wiedergekommen in die DDR", sagt Ruschau. "Ich war jeden Tag auf der Ostsee und bin immer zurück gekommen", sagt der Kapitän der "Zufriedenheit". Auch die DEFA-Filmer Barbara und Winfried Junge, die parallel in Newcastle gedreht haben, berichten von ihren Erfahrungen nach der Wende. Eine Besonderheit des Films soll sein, dass er ohne Kommentare auskommen und den Stil der freien Interpretation einer Gesellschaft erhalten will.

Eins ist Grassick aufgefallen: Die Gesellschaftsformen haben sich geändert, "aber die Freundlichkeit und Offenheit der Menschen, die wir wieder getroffen haben, ist wie damals", sagt er. Als Ruschau und Grassick über den Fotoalben sitzen, ist es so, als sei die Zeit stehen geblieben. Alle sind gespannt, wenn im September die Dreharbeiten starten.

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