Feuriges Handwerk droht auszusterben

Eines der wenigen Geräte im Glasbläser-Beruf ist der Auftreiber.
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Eines der wenigen Geräte im Glasbläser-Beruf ist der Auftreiber.

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18. September 2012, 09:39 Uhr

Rostock | Roland Weihs hat in 37 Arbeitsjahren gelernt, den Moment zu beherrschen. Den Augenblick, wenn das Glas rot zu glühen beginnt und zäh wie Kaugummi wird. Innerhalb weniger Sekunden muss der Glasbläser dann das Material formen, bevor es wieder erstarrt. "Der Werkstoff und die Art, ihn zu bearbeiten, faszinieren mich schon seit meiner Schulzeit", sagt der 53-jährige Meister seines Handwerks. In Rostock gibt es neben Weihs nur noch zwei andere aktive Glasbläser. Sie alle arbeiten an der Uni Rostock und bauen komplizierte Geräte für die Forschung.

Die Leidenschaft für das Glasblasen hat Weihs früh für sich entdeckt. Bei einem Schulpraktikum in der neunten Klasse sah er zum ersten Mal, wie aus festen Glasröhren runde Kugeln und Kolben werden. Dieses feurige Handwerk wollte schließlich auch Weihs erlernen und machte bei Glasapparate Kühner, dem Betrieb, in dem er bereits sein Praktikum absolvierte, seine Ausbildung. Das war von 1975 bis 1978. Den Meister hat Weihs 1985 gemacht, ausgebildet hat er bisher jedoch noch niemanden. "Wofür auch?", fragt der 53-Jährige. Schließlich ist seine Zunft in Rostock fast ausgestorben.

Verzweifelte Studenten stehen vor der Tür

An seine erste Arbeit kann sich Weihs noch sehr gut erinnern. "Ich habe Rührstäbe für Chemikalien hergestellt", sagt Weihs. Heute wird so etwas maschinell gefertigt. Der 53-Jährige baut in seiner kleinen Werkstatt am Institut für Chemie nur Einzelstücke, Gerätschaften, die es nicht zu kaufen gibt. "Zu mir kommen Wissenschaftler, die für ihre Forschungsarbeiten spezielle Messgeräte brauchen", erklärt Weihs. Oft kommen die Forscher mit Skizzen und erklären Weihs genau, was sie mit dem Gerät vorhaben. "Da ist viel Kreativität gefragt", so Weihs. Seinen bisher schwierigsten Fall brachte ihm ein Maschinenbauer, der im Bereich der Thermodynamik forscht. Der Wissenschaftler wollte ein Doppelhydriergefäß gebaut bekommen. Weihs setzte zwei kleinere Glasgefäße in ein großes und baute zudem mehrere Anschlüsse daran. "Die Schwierigkeit ist dabei, die Einzelteile richtig zu haltern", erläutert Weihs. Nachdem diese anspruchsvolle Arbeit gelungen war, kam der Wissenschaftler einen Tag später wieder in die Glasbläserei - das Gerät war ihm kaputt gegangen.

Doch nicht nur Wissenschaftler stehen vor der Werkstatt Schlange. Oft stehen auch verzweifelte Studenten vor Weihs Tür und haben Instrumente der Uni dabei, die sie kaputt gemacht haben. Der Glasbläser repariert sie dann ganz einfach. Das sei wesentlich billiger, als neue Gefäße und Geräte zu kaufen. Allein deswegen ist der 53-Jährige äußerst beliebt bei den Studenten. Einsam wird es an seinem Arbeitsplatz nie. Jeden Tag kommen mehrere Leute mit Aufträgen in die Glasbläserei und wollen auch ein kleines Schwätzchen halten.

Gefährlicher Beruf: Dreimal musste Weihs genäht werden

Wenn Weihs von seinem Beruf erzählt, reagieren die meisten erstaunt. "Vielen wissen gar nicht, dass es diesen Beruf hier oben gibt", sagt Weihs. Gerade in Rostock sei das sehr unüblich. Ausbildungsstätten gibt es nur in der Mitte und im Süden von Deutschland. Dieser Umstand ist historisch zu erklären. Denn Glas wurde immer schon dort hergestellt, wo es auch Wälder gibt. Denn die Öfen wurden mit Holz befeuert. Im flachen Norden gab es kaum Wälder, deswegen starb das Handwerk hier relativ schnell aus. Als Weihs 1975 seine Ausbildung begann, hat er sich keine Gedanken darüber gemacht, wie seine Aussichten auf dem Arbeitsmarkt aussehen würden. Seine Anstellung bei der Uni ist für den 53-Jährigen ein Glücksfall. Er kann kreativ sein und lernt zudem durch seine Auftraggeber täglich etwas Neues. Alles in allem kann sich Weihs keinen schöneren Beruf vorstellen. Doch ganz ungefährlich ist die Arbeit über der 2000 Grad Celsius heißen Flamme nicht: Kleinere Verbrennungen kommen schon mal vor. Noch gefährlicher ist das Glas. "Dreimal musste ich schon genäht werden", erzählt Weihs und zeigt die Narben. Beim Glasschneiden ist das passiert. Mit einem Messer werden die Glasrohre zuerst angeritzt und dann gebrochen. Dabei kann es schon mal splittern. Für Weihs gehört das jedoch zum Berufsrisiko - auch nach 37 Jahren noch. "Aber es ist schon relativ lange nichts mehr passiert", sagt Weihs gelassen.

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