Integration : Feliks Li will ein Miteinander schaffen

Bis seine neuen Schützlinge eintreffen, hilft Feliks Li dem Güstrower Sandor Witt (l.) beim Aufbau der Möbel.
Bis seine neuen Schützlinge eintreffen, hilft Feliks Li dem Güstrower Sandor Witt (l.) beim Aufbau der Möbel.

Der 47-Jährige wird Betreuer der ausländischen Flüchtlinge in Groß Lüsewitz und kennt deren Startschwierigkeiten aus seiner eigenen Geschichte.

svz.de von
20. Dezember 2013, 05:00 Uhr

Mühevoll trägt Feliks Li das Bettgestell ins Dachgeschoss. Solange die ausländischen Flüchtlinge noch nicht in Groß Lüsewitz angekommen sind, betätigt sich der 47-Jährige eben zwischendurch als Möbelpacker und hilft den Güstrower Handwerkern Sandor Witt und Enrico Dreweitz dabei, die Wohnungen mit Betten, Schlafcouch und Schränken zu bestücken. In den Drei-Raum-Wohnungen sollen sechs, in den Zwei-Raum-Wohnungen jeweils vier Personen untergebracht werden, für die Feliks Li ab Januar die soziale Betreuung übernimmt.

Ganz neu ist diese Tätigkeit für ihn nicht. „Ich habe sieben Jahre in Gelbensande Spätaussiedler betreut“, sagt der ausgebildete Sportlehrer. Dabei hatte er jedoch einen Vorteil, denn es gab keine Sprachbarriere. Li hat koreanische Wurzeln, stammt aber aus Usbekistan und seine Muttersprache ist Russisch. Woher seine künftigen Schützlinge kommen, weiß auch Feliks Li noch nicht. Aber er plant, mit den Erwachsenen einen Sprachkurs zu machen. „Für die Kinder ist es leichter, die gehen in den Kindergarten oder die Schule, bei beiden Einrichtungen habe ich mich schon vorgestellt“, so Feliks Li. Doch die erwachsenen Flüchtlinge haben keine solche Tagesaufgabe, arbeiten dürfen sie per Gesetz nicht, solange ihr Status nicht geklärt ist.

Der Betreuer plant, mit ihnen im Groß Lüsewitzer Dorfgemeinschaftshaus einen Sprachkurs zu machen. Und setzt dabei auf das visuelle Lernen. Indem er ihnen eine Tasse zeigt, sollen sie das deutsche Wort dafür lernen und verstehen. „Die Grammatik schreckt viele ab, wichtig ist deshalb erst einmal, dass die Menschen Sprechen lernen“, so Feliks Li. Auch, falls sie Hilfe brauchen. Denn sein Job, den er im Auftrag des Landkreises tut, ist auf acht Stunden täglich begrenzt. Der Betreuer weiß aber, dass es realistisch gesehen eher 24 Stunden sind, denn er könnte zu jeder Tages- und Nachtzeit von seinen Schützlingen gebraucht werden. „In den sieben Jahren Spätaussiedlerbetreuung hatte ich von der Geburt bis zum Sterbefall alles dabei. Auch eine Silberhochzeit habe ich organisiert“, sagt er.

Auch wenn er heute Deutschland, Mecklenburg und Gelbensande seine Heimat nennt – Feliks Li weiß, wie es ist, fremd in einem Land zu sein. Er selbst musste auch mit der Sprachbarriere und Anfeindungen kämpfen, als er 1997 zusammen mit seiner Frau, einer Spätaussiedlerin mit deutschen Wurzeln, hierher kam. „Mein Status war Ausländer, ich bekam keinen Sprachkurs“, erinnert sich der Familienvater. Mühevoll habe er einzelne Wörter gelernt.

„Möchten Sie Kaffee trinken?“, dies sei der erste Satz gewesen, den er damals seiner Betreuerin in der für ihn fremden Sprache sagte. Bald darauf folgte das Wort „Ringen“, das er in der Zeitung entdeckte und das für den Sport stand, den er in seiner Heimat gemacht hatte. Also rief die Betreuerin beim PSV Rostock an. Dreimal die Woche machte sich Feliks Li von Schwaan auf zum Training. Ohne die Sprache zu können – und gut 20 Kilo zu schwer für die Gewichtsklasse, in der ihn der Trainer haben wollte.

Sein Wortschatz nahm zu, das Gewicht ab. „Im Januar 1998 bin ich in Greifswald dann direkt Landesmeister geworden“, sagt Feliks Li, der daraufhin zwei Jahre in der 2. Bundesliga leistungsmäßig gerungen hat und auch den Trainerschein machte.

Ihm hat der Sport bei der Integration geholfen. In Gelbensande ist Feliks Li mit seiner Familie fest verwurzelt, gehört der Gemeindevertretung an und ist aus dem Vereinsleben nicht mehr wegzudenken. Ob sich seine erfolgreiche Geschichte wiederholt, kann er bei seinen Schützlingen nicht sagen. „Wichtig ist die Einstellung, mit der sie herkommen“, sagt er. „Fünf oder sechs Jahre wird es sehr schwer, danach hoffentlich leichter“ – diesen Satz hätten seine Frau und er sich immer gesagt.

Wie lange die Flüchtlinge in Groß Lüsewitz bleiben, kann heute keiner sagen. Das kann Monate oder Jahre dauern. Im Ort selbst gibt es zahlreiche Bürger, die sich zu einer Gruppe zusammengeschlossen haben und den neuen Einwohnern den Start erleichtern wollen. Leider gibt es auch andere Stimmen, die ihre ausländerfeindliche Einstellung auf Flugblättern, durch Graffiti oder durch das Zerstören der Klingel der Flüchtlingswohnungen kundtun. Feliks Li weiß von diesen Vorfällen und geht „nicht blauäugig an die Sache heran“. Er weiß aber auch, dass es für ihn viel Unterstützung gibt. Und hofft auf ein friedvolles Miteinander – er selbst sagt deshalb, dass er nicht nur den Flüchtlingen, sondern auch für die Bürger vor Ort ein Ansprechpartner sein will.

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