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25 Jahre Lichtenhagen : „Es gibt nichts zu beschönigen“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Schwesig eröffnet die Gedenkwoche in Rostock zu 25 Jahre Lichtenhagen. Kunstfigur „Politik“ am Rathaus enthüllt

von
erstellt am 22.Aug.2017 | 21:00 Uhr

Die Hansestadt Rostock hat heute offiziell in der Marienkirche die Gedenkwoche zur Erinnerung an die rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen vor 25 Jahren eröffnet. „An diesen Tagen habe ich zwei Gefühle in meinem Herzen“, sagte Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD), „Scham, dass soetwas in unserem Land überhaupt möglich war, und Stolz auf die Menschen, die heute mitarbeiten, dass sowas nie wieder passieren kann.“ Rostock zeige heute, dass es tolerant und weltoffen ist, sagte sie vor einigen hundert Menschen in der Kirche.

Doch ebenso, wie die Redner, die ihr folgen sollten, betonte Schwesig die Schuld von Politik, Medien, Gesellschaft und Polizei von damals. Es gebe nichts zu beschönigen und schon gar nichts zu leugnen. Die Ausschreitungen hätten „die Stadt unrühmlich bekannt gemacht“, sagte Rostocks Ordnungssenator und Stellvertreter des Oberbürgermeisters Chris Müller-von Wrycz Rekowski (SPD).

Die fremdenfeindlichen Übergriffe gelten als die massivsten der deutschen Nachkriegszeit. Rechtsradikale Aufrührer fanden fruchtbaren Boden bei Zuschauern. Schockiert von den Zuständen, die entstanden als die Politik Roma aus Rumänien tagelang draußen auf der Wiese sich selbst überließ, klatschten sie Beifall, als die ersten Steine und Brandsätze flogen. „Es waren unmenschliche Szenen“, sagte Schwesig, die damals 18-jährig die Bilder in den Medien verfolgte. „Schweigen, Dulden und Wegschauen hat die Menschen schon oft in große Schuld gestürzt“, kommentierte Elisabeth Lange, Pastorin der Innenstadtgemeinde. „Heute sind wir weniger denn je davor gefeit, Wehrlose, Ungeschützte, dem gewaltsamen Mob zu überlassen“, warnte sie. Und Schwesig gab ihr Recht: Das würden Provokationen von Rechtsextremen, das Auftauchen der Identitären, Pegida verdeutlichen – und dagegen gelte es vorzugehen. „Der Kampf gegen Rechtsextremismus ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, sagte die Ministerpräsidentin, „wir brauchen eine öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema.“ Jeder müsse im Alltag Haltung zeigen, sagte sie.

Optimistisch zeigte sich Senator Müller-von Wrycz Rekowski: „Viele werden sich sicherlich die Frage stellen, ob sich die Ereignisse von Rostock-Lichtenhagen wiederholen könnten. Ich sage: Das können sie nicht!“. Die Hansestadt, ihre Bürger, Politik, Verwaltung und zahlreiche Institutionen hätten aus den Geschehnissen vor 25 Jahren gelernt. „Gemeinsam werden wir nicht zulassen, dass sich auch nur etwas annähernd Ähnliches wie 1992 in unserer Stadt wiederholt.“

Im Anschluss an die Eröffnung der Gedenkwoche weihte die Ministerpräsidentin die erste von fünf Kunstfiguren des Künstlerkollektivs Schaum aus Alexandra Lotz und Tim Kellner vor dem Rostocker Rathaus ein. Die beiden waren als Sieger eines Kunstwettbewerbs des Kulturamtes hervorgegangen, den die 2012 gegründete städtische Arbeitsgruppe Gedenken veranlasst hatte. Gemäß des Gesamtkunstwerkes „Gestern Heute Morgen“ sind fünf Quader aus Naturstein im Stadtgebiet aufgestellt worden – vor dem Rathaus, Sonnenblumenhaus, der Polizeiinspektion Ulmenstraße, dem Ex-Standort des Jugendalternativzentrums in der August-Bebel-Straße sowie in der Richard-Wagner-Straße 1. Ihre Gestaltung greift je einen Aspekt des Pogroms auf: Politik, Selbstjustiz, Staatsgewalt, Gesellschaft und Medien.

„Mit den Mitteln der Kunst wird auf die Verantwortung der Landes- und Kommunalpolitik aufmerksam gemacht“, sagte Rostocks Bürgerschaftspräsident Wolfgang Nitzsche (Linke) bei der Enthüllung der Figur „Politik“, die auf den ersten Blick wie ein leerer Sockel daherkommt. Aber das sei der Clou, verdeutlichte Kunsthistorikerin Barbara Hess. Die Kunst brauche den Betrachter, wie ihr Thema die Auseinandersetzung.

 

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