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Volkstheater Rostock : „Es gibt keine ruhige Front“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Aufsichtsrat-Chefin tritt zum 1. Mai zurück. Intendant und Geschäftsführer in Rostock vor Rückkehr. Entscheidungen für neue Spielzeit überfällig

Die Aufsichtsratsvorsitzende des Rostocker Volkstheaters, Eva-Maria Kröger, tritt mit Wirkung zum 1. Mai von ihrem Amt zurück. Da nun eine Phase beginne, die sie privat und beruflich stark beanspruche, könne sie diese Aufgabe nicht mehr guten Gewissens ausführen, gab sie heute bekannt. Kröger steht auf Platz 3 der Landesliste ihrer Partei zur Landtagswahl am 4. September. Kröger hatte das Amt seit Oktober 2013 inne. Damit verschärft sich das Chaos in der Führungsetage der Bühne weiter. Die seit rund vier Wochen krankgeschriebenen kaufmännischen und künstlerischen Geschäftsführer werden erst in den kommenden Tagen zurückerwartet.

Kröger begründet ihren Schritt vor allem mit der enormen zeitlichen Belastung. „Ich könnte den Vorsitz auch problemlos hauptberuflich führen, habe neben meinen anderen Ehrenämtern aber noch einen Job und eine Familie, die mich auch braucht“, sagt sie. Hinzu komme der fordernde Landtagswahlkampf bis zum 4. September – Kröger steht auf Listenplatz drei der Linkspartei.

Das Rostocker Volkstheater treibt seit Jahren durch schwere See. Finanzierungsprobleme, geringe Besucherresonanz und Personalturbulenzen beschäftigten die Menschen in der Stadt mehr als international herausragende Produktionen. In der kommenden Woche werden Intendant Sewan Latchinian und der kaufmännische Geschäftsführer Stefan Rosinski nach längeren Auszeiten zurückerwartet. „Dann wird insbesondere die Planung für die kommende Spielzeit vorangetrieben“, sagt Interimsgeschäftsführer und Rostocker Finanzsenator Chris Müller.

Allerdings sei die Planung im Verzug, doch zumindest der große Rahmen stehe. Noch stünden aber Rechtebeschaffungen, Organisation der Teams und Vertragsverhandlungen aus. Das Problem sei, dass viele externe Künstler vertraglich schon anderweitig gebunden sein könnten. Bereits Anfang März hatte die Aufsichtsratsvorsitzende Eva-Maria Kröger auf die Planungsprobleme hingewiesen.

Diese Probleme seien mit der Berufung von ihm und Steffen Knispel von der Rostocker Versorgungs- und Verkehrs-Holding behoben worden, sagt Müller, der nach eigenen Angaben in engem Kontakt mit Latchinian steht. Nach der Rückkehr der beiden Geschäftsführer würden er und Knispel noch „ein paar Tage“ im Amt bleiben, kündigt er an.

Die Gesamtsituation des Hauses stellt sich als extrem schwierig dar. „Es gibt nahezu keine ruhige Front“, ist aus dem Haus zu hören. Auch Müller bestätigte, dass es bei den 265 Beschäftigten „teilweise Verunsicherung“ gebe. Es sei ihm und Knispel aber gelungen, für eine gewisse Ruhe und den Fortgang der Dinge zu sorgen.

An der Theaterkasse ist hingegen mehr Ruhe als erwünscht. Schon das Jahr 2015 war mit gut 84 200 Besuchern das schwächste nach der Wende. Im ersten Quartal 2016 wurden nur 17 640 Karten verkauft. „Es bleibt abzuwarten, ob sich das durch das Jahr hindurch trägt“, sagt Müller. Er baue aber auf die „leider nicht große, aber trotzdem sehr treue Fangemeinde, die in schwierigen Zeiten fest zum Theater steht“.

Dabei liegen Entscheidungen von langfristiger Bedeutung an. Seit knapp zwei Jahren wogt der Streit um die Schließung von zwei der vier Sparten. Dies war vom Land und Oberbürgermeister Roland Methling (parteilos) gefordert und auch von der Rostocker Bürgerschaft beschlossen worden.

Latchinian hatte sich von Beginn an mit Vehemenz dagegen gewehrt, was nach Dauerstreit mit dem Rathaus und unglücklichen Äußerungen in der Öffentlichkeit zu seiner zwischenzeitlichen Entlassung führte.

Beobachter rechnen nicht damit, dass er während seiner Auszeit in den vergangenen vier Wochen seine Meinung grundlegend geändert hat. Weiterer Streit scheint programmiert.

Rosinski, der im Sommer nach Halle an der Saale wechseln wird, hatte im Januar einen Vorschlag zur künftigen Theaterstruktur vorgelegt. Das sogenannte Hybridmodell sieht eine Neuordnung der Sparten mit Schwerpunkt Orchester und Musiktheater und der Verkleinerung des Schauspiels vor. „Der Aufsichtsrat ist der Meinung, das Modell könnte eine gute Grundlage für die weitere Planung sein“, sagt Kröger.

Dieses Rosinski-Konzept könnte auch nach Ansicht des früheren Schauspieldirektors Jörg Hückler ein wichtiger Schritt sein, dem Haus eine gute Richtung vorzugeben. Allerdings sieht der intime Kenner des Theaters auch die Gefahr, dass durch das zwischenzeitliche Fernbleiben der Geschäftsführer wieder viele Züge ohne Entscheidung abgefahren sind. „Das ist vor allem problematisch für die Mitarbeiter, die nicht wissen, was ist und was kommt.“

 

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