Krankenhaus-Serie : Es geht nicht nur ums Überleben

Alle drei Monate kommen Mia und ihre Eltern zur Nachuntersuchung in die Kinderarztpraxis von Dr. Dirk Manfred Olbertz.
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Alle drei Monate kommen Mia und ihre Eltern zur Nachuntersuchung in die Kinderarztpraxis von Dr. Dirk Manfred Olbertz.

Nicht jedes Kind hat nach seiner Geburt einen einfachen Start: Auf der Neonatologie des Klinikums in der Südstadt werden auch extreme Frühgeborene aufgepeppelt – wie die kleine Mia.

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02. Juli 2015, 14:34 Uhr

Ganz ruhig schläft Mia in ihrer Trage. Langsam hebt und senkt sich ihr kleiner Brustkorb. In regelmäßigen Abständen zieht sie an ihrem Schnuller. Mia ist knapp drei Monate alt und wiegt jetzt 2900 Gramm. Sie kam als Frühchen zur Welt – mehr als zwei Monate vor dem errechneten Geburtstermin. Ihr Geburtsgewicht betrug gerade einmal 880 Gramm. Ihre Lungen waren nicht ausgereift, in ihrer Niere entdeckten die Ärzte kleine Verkalkungsherde und in ihrem Hirn wurde eine leichte Blutung festgestellt. Doch Mia ist eine Kämpferin. Sie kam auf die neonatologische Intensivstation des Klinikums Südstadt, wurde dort von Chefarzt Dr. Dirk Manfred Olbertz und seinem Team betreut. Acht Wochen und drei Tage blieb sie in der Obhut der Mediziner, dann durfte sie nach Hause. Mia musste per Kaiserschnitt geholt werden, weil ihre Mama Mareen Teela eine Schwangerschaftsvergiftung hatte. Eine Reaktion des Körpers, die kaum beeinflusst werden könne, erklärt Olbertz. Ganze 15 Kilo an Wassereinlagerungen hatten sich in Mareen Teelas Körper angesammelt. Darüber hinaus lag ihr Blutdruck in einem beunruhigenden Bereich. „Wir mussten das Kind holen. Dass die Schwangerschaft zu diesem Zeitpunkt bereits bis zur 28. Woche fortgeschritten war, war Glück. Die Überlebensrate des Kindes liegt dann bei 90 Prozent“, erklärt Olbertz. Zum Vergleich: In der 24. Schwangerschaftswoche liege die Rate bei 50 Prozent.

 Während Mia auf der Neonatologie lag, wohnten ihre Eltern in der Villa S, dem zum Klinikum gehörenden Gästehaus. Um ihrer kleinen, zarten Mia möglichst nah zu sein, wie Mareen Teela sagt. „Ich bekam unter Vollnarkose mein Kind. Ich habe die Kleine also erst am Tag nach der Geburt das erste Mal gesehen. Das war ein sehr merkwürdiger Moment.“ Mareen Teela sucht nach Worten. „Ich habe gedacht, das ist nicht mein Kind und die ersten Tage nach der Entbindung nur geweint.“ Mit den Wochen habe sich die Beziehung von Mutter und Nachwuchs verbessert. „Ich habe nach und nach immer mehr Gemeinsamkeiten entdeckt und Mia wurde mehr und mehr unser Kind.“ Mittlerweile ist die dreiköpfige Familie ein eingespieltes Team. Die Abläufe zu Hause gelängen gut, auch weil das Paar von Anfang an auf der Neonatologie in alle Prozesse einbezogen wurde. „Wir wurden acht Wochen vorbereitet. Da geht man als perfekte Eltern raus.“ Mia sei ein unkompliziertes Kind. „Alle drei bis vier Stunden zeigt sie uns, dass sie Hunger hat und wenn sie einen Wachstumsschub bekommt, dann weint sie“, berichtet Teela. Kinder wie Mia haben mittlerweile gute Überlebenschancen. Die Frühgeborenensterblichkeit ist seit den 80er-Jahren stark gesunken. Dennoch bestehe bei extrem Frühgeborenen das Risiko einer drohenden Behinderung. „Die Nieren- und Atemfunktionen sind potenziell beeinträchtigt. Wenn die Organe zum Geburtszeitpunkt unreif sind, besteht das Risiko, dass das Frühgeborene Folgeschäden davonträgt“, sagt Olbertz. Er leitet die Neonatologie des Perinatalzentrums am Klinikum Südstadt. „Deutlich zu früh geborene Kinder können geistige Behinderungen, chronische Lungenerkrankungen, Lähmungen bestimmter Muskelgruppen, aber auch psychomotorische Störungen aufweisen. Zum Beispiel haben allein 70 bis 80 Prozent der Kinder das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom“, erläutert Olbertz. Daher sei es immer das oberste Ziel der Mediziner, eine drohende Frühgeburt zu vermeiden oder wenigstens hinauszuzögern, um die Entwicklungsprognose der Kinder zu verbessern.

 Etwa zehn Prozent der Kinder, die am Klinikum Südstadt zu Welt kommen, seien Frühchen. Davon hätten rund 50 bis 60 Kinder ein Geburtsgewicht, das unter 1500 Gramm liege – so wie die kleine Mia. „Die stationäre Betreuung dieser Kinder in der Klinik dauert so lange wie die Schwangerschaft normalerweise gedauert hätte. Wir sind nicht schneller als die Natur“, erklärt Olbertz. Wenn an  anderen Kliniken im Land die Betreuung  der extrem Frühgeborenen nicht gewährleistet werden kann, werden die  Kinder mit dem Helikopter ins Südstadtklinikum geflogen. „Wir sind  ein Perinatalzentrum des Levels eins.  Wir  bündeln die Fachexpertise, um auch extrem unreife Kinder versorgen zu können, sofern die Frühgeburt unvermeidbar ist. Wir stehen in engem Kontakt mit den Frauenärzten, sodass wir auch die Mütter gut betreut wissen“, sagt Olbertz.

Die frischgebackenen Eltern Mareen Teela und Andreas Ahrens sind überglücklich, dass sich die kleine Mia so gut entwickelt.  Fotos: georg scharnweber
Die frischgebackenen Eltern Mareen Teela und Andreas Ahrens sind überglücklich, dass sich die kleine Mia so gut entwickelt. Fotos: georg scharnweber

Eine Entlassung des Frühgeborenen aus der Klinik könne erst dann erfolgen, wenn die Kinder ihre Nahrung selbstständig  aufnehmen und vertragen, ihre Atmungsfunktion stabil ist und wenn die Eltern mit der Situation und ihrem  Neugeborenem zurechtkommen. „Eltern von Frühgeborenen sind einer hohen psychischen Belastung ausgesetzt. Sie haben Angst, denken sie seien Schuld an der Situation und fühlen sich hilflos. Die psychosoziale Betreuung und Beratung hat deshalb  einen hohen Stellenwert am Perinatalzentrum“, sagt Olbertz.

Die extrem Frühgeborenen werden bis zu einem Alter von zwei Jahren intensiv  in der Frühchen-Praxis von Dr. Olbertz nachbetreut. Auch Mia wird  dort zunächst  im Drei-Monats-Rhythmus von dem Kinderarzt untersucht. „Die Nachuntersuchungen sind wichtig. Nicht nur, um mögliche Beeinträchtigungen bei dem Kind früh zu erkennen, sondern auch für das Qualitätsmanagement der Klinik. Wir müssen wissen, was aus unseren Kindern wird“, erläutert Olbertz. Bisher zeige Mia keine Auffälligkeiten. Die Kleine entwickle sich gut. Nur einen kleinen Sensor am Fuß müsse sie noch tragen. Falls ihre Atmung Unregelmäßigkeiten aufweist, schlägt dieser Alarm. Ein zweites Kind wollen Mareen Teela und Andreas Ahrens erst einmal nicht bekommen. Aber heiraten möchte das Paar. Der Antrag kam an Mias errechnetem Geburtstag, dem 6. Juni dieses Jahres.

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