Massenkarambolage bei Rostock : Erster Prozess nach Sandsturm-Unfall auf A19 geht weiter

Autobahn A19 bei Kavelstorf in der Nähe von Rostock (Mecklenburg-Vorpommern):  Bei einer Massenkarambolage in einem Sandsturm fuhren in beiden Fahrtrichtungen dutzende Fahrzeuge und Lkw ineinander.
Autobahn A19 bei Kavelstorf in der Nähe von Rostock (Mecklenburg-Vorpommern): Bei einer Massenkarambolage in einem Sandsturm fuhren in beiden Fahrtrichtungen dutzende Fahrzeuge und Lkw ineinander.

Knapp vier Jahre nach der schweren Massenkarambolage muss sich eine 53-jährige Brandenburgerin vor Gericht verantworten. Wir haben das tragische Ereignis mit acht Toten noch einmal zusammengefasst.

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10. März 2015, 14:41 Uhr

Es ist der 8. April 2011 – ein Freitag. Der Wochenendverkehr hat gegen 12.30 Uhr gerade eingesetzt, auf der A19 weht kräftiger Wind. Südlich von Rostock verdunkelt sich für zahlreiche Autofahrer plötzlich der Himmel. Kurz nach einem Waldstück fegt der starke Wind mit Böen trockenen Sand und Erde von angrenzenden Feldern auf die Fahrbahn. Hinterher spricht die Polizei von Sichtweiten unter zehn Metern. Experten gehen sogar von noch weniger aus. In beiden Fahrtrichtungen spielen sich kurz darauf dramatische Szenen ab. 

Es kommt zu Zusammenstößen in beiden Fahrtrichtungen, besonders schlimm in Richtung Rostock. Es kommt zu Feuern. 17 Fahrzeuge und drei Lkw geraten in Brand, insgesamt 60 Autos fahren auf dieser Spur ineinander, acht Menschen sterben. In Richtung Berlin sind 23 Autos an dem Unfall beteiligt, mehrere Personen werden verletzt. Am Ende bleibt ein Trümmerfeld. 83 Autos rasen an diesem Nachmittag in Höhe Kavelsdorf ineinander. 131 Menschen werden teils schwer verletzt.

Ein Video zeigt das Ausmaß der Massenkarambolage:

Auch Stunden nach der Massenkarambolage bleibt es unübersichtlich auf der Autobahn A19. Die Bergungsarbeiten dauern am Ende drei Tage. Es entsteht ein Schaden in Millionenhöhe. Die Autobahn muss großflächig ausgebessert werden, da die Brände den Asphalt zerstörten. Für einige Tage wird die Geschwindigkeit an der Unfallstelle begrenzt, danach wird das Tempolimit aufgehoben. An der A19 erinnert danach nichts mehr an das Inferno.

Es ist ein Unfall der wohl hätte verhindert werden können. Denn laut Einschätzungen von Umweltschützern hätten Feldhecken das Aufwirbeln des Sandes zumindest begrenzt. Daran habe sich nichts geändert, sagt Agrarexperte Burkhard Roloff von der Umweltorganisation BUND im Januar 2015. Autofahrer würden heute allerdings vor Sandstürmen gewarnt.

Im April 2013 gibt es erste staatsanwaltliche Ermittlungen gegen 24 Autofahrer. Es geht um fahrlässige Körperverletzung. Die Untersuchungen werden auf die Fahrbahnrichtungen Berlin und Rostock aufgeteilt. Auf der Spur Richtung Hauptstadt wird gegen fünf Autofahrer ermittelt. Auf der Gegenspur, im wesentlich schlimmeren Unfall in Richtung Rostock werde gegen 19 Beschuldigte ermittelt, teilte Behördensprecher Holger Schütt damals mit. Sie stünden im Verdacht, durch zu hohes Tempo den Unfall mitverursacht zu haben. Die Aufarbeitung und genaue Analyse gestalte sich wegen der Vielzahl der Beteiligten und der Dynamik des Geschehens extrem schwierig. Auch wenn die Ursachenermittlungen weitgehend abgeschlossen seien, könne deshalb noch nicht gesagt werden, ob und wann Anklage erhoben wird, heißt es im April 2013 von Seiten der Staatsanwaltschaft. Es sei auch möglich, dass Strafbefehle beantragt oder Verfahren eingestellt werden.

Ein Update folgt im Januar 2015. Die Staatsanwaltschaft hat nach den aufwendigen Ermittlungen gegen insgesamt vier Personen Strafbefehle wegen fahrlässiger Tötung beim Rostocker Amtsgericht beantragt. Zwei weitere Strafbefehle ergingen wegen fahrlässiger Gefährdung des Straßenverkehrs und einer wegen fahrlässiger Körperverletzung, sagt Holger Schütt. Gegen die sieben Strafbefehle sollen drei Beschuldigte Einspruch eingelegt haben. Insgesamt hatte die Staatsanwaltschaft wegen des Massenunfalls gegen 18 Autofahrer ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, davon wurden elf eingestellt, weil ein strafbares Verhalten nicht nachgewiesen wurde.

Am 15. Januar 2015 ist es dann soweit: Der erste Prozess um die Massenkarambolage beginnt vor dem Rostocker Amtsgericht. Angeklagt ist eine 53 Jahre alte Frau aus Brandenburg. Ihr wird fahrlässige Tötung vorgeworfen. Ohne die Geschwindigkeit den Verhältnissen anzupassen, sei sie nahe der Abfahrt Laage in die Sandsturmwolke hineingefahren. Dabei rammte sie mit hohem Tempo ein anderes Auto. Das Ehepaar in dem Fahrzeug verstarb am Unfallort. Die Sichtbeeinträchtigung auf der Fahrbahn nach Rostock soll rechtzeitig vorher erkennbar gewesen sein, sagt die Staatsanwaltschaft. Andere Verkehrsteilnehmer verringerten die Geschwindigkeit deutlich, zum Teil bis auf Schrittgeschwindigkeit, einige hielten auf dem Standstreifen, heißt es in der Anklage. Die Angeklagte hatte zuvor einen Strafbefehl über neun Monate Haft auf Bewährung bekommen und dagegen Einspruch eingelegt. Vermutlich wird es neben der aktuellen Verhandlung zwei weitere Prozesse geben.

Am Mittwochvormittag wird der Prozess gegen die 53-Jährige in Rostock fortgesetzt.

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