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Zweifel an Backhaus-Initiative : Erst Industriebauer, jetzt Tierschützer

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Kehrtwende im Ministerbüro: Vor Jahren noch ließ Till Backhaus auf große Strukturen in der Viehhaltung nichts kommen. Jetzt hat er dazugelernt und überrascht - vom Industriebauern zum Tierschützer.

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erstellt am 03.Feb.2012 | 09:05 Uhr

Schwerin | Kehrtwende im Ministerbüro: Vor Jahren noch ließ Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) auf große Strukturen in der Viehhaltung nichts kommen. "Die Masse an Tieren ist einfach notwendig, um wirtschaftlich zu sein", meinte er noch vor eineinhalb Jahren. Lege man beim Vergleich der Tierbestände die bundesweite Durchschnittsdichte zu Grunde, könnten im Land zwei Millionen Schweine, eine Million Rinder und 3,1 Millionen Legehennen gehalten werden, plädierte er bei jeder passenden Gelegenheit für mehr Tierproduktion in MV.

Schließlich betrage beispielsweise der Schweinebesatz derzeit in MV gerade einmal ein Drittel des Bundesdurchschnitts, meinte er und versprach zehntausende Jobs. 20 000 Arbeitsplätze könnten entstehen, wenn der Viehbesatz im Land auf den Bundesdurchschnitt steigen würde. Noch im Dezember fiel sein Plädoyer für große Tieranlagen eindeutig aus: Allein mit der Mast in Klein- und Kleinstbetrieben könne der steigende Bedarf an Geflügelfleisch nicht gedeckt werden, watschte er den BUND ab, als die Umweltschützer vor dem Landtag forderten, die Förderung weiterer industrieller Tierhaltungsanlagen wegen der damit verbundenen Gesundheitsgefahren einzustellen.

Bei den Umweltaktivisten erkannte Backhaus sogar "eine verantwortungslose Panikmache", als sie vor Antibiotikaresistenzen infolge des hohen Medikamenteneinsatzes warnten. Masse aus Mecklenburg-Vorpommerns Schweine- und Hühnerställen: Ängste stellte Backhaus nur zu oft hinter die Anforderungen des Marktes. Inzwischen reiben sich Kritiker aber verwundert die Augen. Till Backhaus überrascht - vom Industriebauern zum Tierschützer.

Einsicht am Ministertisch: Den Medikamenteneinsatz in "Größenordnungen" könne er mit seinen "ethischen und moralischen Grundsätzen nicht mehr vereinbaren", meinte Backhaus im Gespräch mit unserer Zeitung. Auch er habe "dazugelernt". Bereits zu DDR-Zeiten sei es möglich gewesen, durch andere Hygienesysteme und ein anderes Gesundheitsmanagement in den Ställen mit weniger Hilfemitteln auszukommen, sagte er. Notwendig seien jetzt neue Haltungsformen, die dem Einzeltier zugute kommen und die Medikamentengabe an die ganze Herde unnötig machten. In MV solle künftig bei der Vergabe von Fördermitteln mehr auf Tierschutz, Tiergesundheit und Umweltverträglichkeit geachtet werden, begründete er den im September 2011 für ein halbes Jahr verhängten Förderstopp - ein Vorgriff auf einen Masterplan für eine umwelt- und tiergerechte Landwirtschaft, den Backhaus 2013 vorlegen will. Zudem forderte er Änderungen im Veterinärwesen: "Tierärzte verdienen mit Medikamenten ihr Geld, nicht mit Beratung. Das muss aufhören." Die Veterinäre hätten dem "Geschöpf zu dienen" und nicht "Medikamente zu transportieren". Zwar werde auch weiterhin Tierarznei zum Einsatz kommen, aber "nicht als Zwangsbehandlung für den gesamten Bestand", forderte Backhaus. Die Landwirte müssten umsteuern, rät der SPD-Politiker. "Billig können wir nicht, wir können nur gut." Er sei überzeugt: "Die Zeit ist reif: Ein Großteil der Bevölkerung würde für Produkte mit besonderen Ansprüchen auch mehr bezahlen."

Backhaus’ Wechsel ins Tierschutzlager - Bauern, Umweltschützer, Förderexperten sind verdutzt. Der jetzt kritisierte Medikamenteneinsatz ist seit Jahren bekannt. Insofern verwundert der Förder coup. Kritiker vermuten indes hinter dem von Backhaus verhängten Beihilfestopp für neue Tieranlagen weniger seine neue Liebe zum Tierschutz als handfeste finanzielle Zwänge. So hatte Backhaus bereits Ende September 2011 entschieden, vorerst keine neuen Förderanträge für neue Tieranlagen mehr zu bearbeiten - lange bevor die Kritik an den hohen Antibiotika-Gaben in Deutschlands Hühnerställen im Dezember für eine neue Debatte über neue Haltungsbedingungen sorgte. Vielmehr war bereits Ende September der Etat des Agrarinvestitionsförderprogramms (AFP) erschöpft, bestätigte jetzt auch das Landwirtschaftsministerium.

Ein normales Verfahren, sagte Minsteriums-Sprecherin Marion Zinke. Das Programm ende in jedem Jahr Ende September. 22 Millionen Euro stünden jährlich im AFP-Etat zur Verfügung, die bislang vor allem in Öko- und Milchbetriebe flossen. Doch während bislang auch nach Programmschluss Förderanträge angenommen worden seien, wolle man in diesem Jahr erst die Förderkriterien überarbeiten und die Beihilfen künftig für tierartengerechtere Stallanlagen gewähren. Kein Schnellschuss, keine Kehrtwende, vielmehr stehe das Agrarressort schon seit langem für die bodengebundene Landwirtschaft ein, sagte Zinke.

Umweltschützer nehmen Backhaus die Tierschutzversuche im Hühnerstall nicht ab. Alles Populismus, wettert BUND-Agrar-Experte Burkhard Roloff. Allein einen Förderstopp auszusprechen, reiche nicht aus. Vielmehr müsse auf Bundesebene die Nutztierhaltungsverordnung geändert und Bestandsgrenzen eingeführt werden. Ansonsten versage MV eine Förderung für Haltungsformen, die eigentlich erlaubt sind, meinte Roloff: "Der Alleingang bringt nichts." Das Wichtigste seien die Anzahl der Tiere im Stall, meinte er. Die Haltung in großen Ställen sei nicht zu händeln. Roloff: "Bei mehr als 50 Tieren findet sich ein Huhn nicht mehr zurecht."

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