#wirkoennenrichtig : Erinnerungen im Schulmuseum

Anhand seiner Exponate klärt Wolfgang Wilken seine Besucher über vergangene Zeiten auf.
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Anhand seiner Exponate klärt Wolfgang Wilken seine Besucher über vergangene Zeiten auf.

Stadtansichten: Was zeige ich meinen Gästen? Wolfgang Wilken hütet einen wahren Keller-Schatz

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03. Mai 2017, 15:00 Uhr

Welch ein Zufall: Die beiden großen Rostocker, Reedersohn Walter Kempowski und der Sohn einer Lehrerfamilie, Joachim (Jo) Jastram, verbrachten ab 1935 ihre ersten Schuljahre gemeinsam auf einer Schulbank in der Knabenschule St.Georg, die nur wenige Meter von der damals fünfjährigen Goethe-Schule liegt. Waren sie gute Schüler? Die Frage ist einfach zu beantworten, denn im Schulmuseum der jetzigen St.-Georg-Grundschule sind sämtliche Klassenbücher seit dem Oktober 1892 aufbewahrt.

Und nicht nur sie. Der Kenner der Rostocker und Mecklenburger Schulgeschichte, Wolfgang Wilken, hütet dort im Keller der sanierten Schule einen Schatz, den er in jahrzehntelanger Arbeit zusammengetragen hat. Gern gibt er sein Wissen weiter und erklärt ehemaligen und heutigen Schülern die Geschichte der Einrichtung. Aber auch Geschichten über das Schüler- und Lehrerdasein von der Kaiserzeit bis zur Gegenwart erzählt er, während er die kleinen und großen Besucher durch sein Museum führt. Mit der Industrialisierung und der wirtschaftlichen Entwicklung ab 1850 stiegen Rostocks Einwohnerzahlen rasant, in 50 Jahren von 11 000 auf 54 000.

Die Kröpeliner-Tor-Vorstadt und das Wohngebiet jenseits des Steintors entstanden, damit natürlich auch neue Schulen – getrennt für Knaben und Mädchen. Ein Schmuckstück wurde das in neogotischer Backsteinarchitektur errichtete St.-Georg-Schulhaus, das für damalige Verhältnisse mit hochmoderner Technik ausgestattet wurde. Das betraf Heizung, Lüftungsschächte, Blitzschutz und sogar Duscheinrichtungen im Keller. Der linke Hausteil war die Knabenschule, rechts hatten die Mädchen Unterricht. Auf dem Hof trennte sie ein stabiler Zaun. Geschlechtertrennung war auch beim Lehrkörper üblich. Aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts gibt es Impflisten und Belege für ärztliche Untersuchungen in der Schule, aber auch Beweise für Reglementierungen und Strafmaßnahmen. So heißt es in den Schulregeln um 1900 unter anderem: „Die Füße werden parallel nebeneinander auf den Boden gestellt. Sämtliche Kinder schauen dem Lehrer fest ins Auge.“ Und das stundenlang? Während des Ersten Weltkrieges wurde die Schule geschlossen, die Schüler in der Borwinschule unterrichtet und das Gebäude zum Lazarett mit 205 Betten umfunktioniert. Auch während des Zweiten Weltkrieges war die Schule zeitweilig geschlossen, Schüler und Lehrer im Zuge der Kinderlandverschickung in umliegende Dörfer evakuiert.

Wolfgang Wilken hat erstaunliche Dinge gesammelt, die an diese und auch an die Nachkriegs- und DDR-Zeiten erinnern und nachdenklich machen. Schulreformen und Gebäudesanierungen erlebte die Schule mehrfach, aus der POS wurde 1990/91 eine Grund- und Realschule, bis sie 2007 ihre jetzige Bestimmung erhielt, eine reine Grundschule zu sein. Vom 9. bis 13. Oktober feiern Schüler und Lehrer in einer Festwoche den 125.Geburtstag ihrer Schule, sicher auch mit vielen Ehemaligen und dem „Ehrenschüler“ Wolfgang Wilken, dem Museumschef.

Öffnungszeiten: Dienstag und Donnerstag nach Terminabsprache unter 0381/499 78 31. Im Oktober begeht die Grundschule in der St.-Georg-Straße ihren 125. Geburtstag.


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