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Norddeutsche Neueste Nachrichten

24. August 2017 | 03:17 Uhr

Einweihung : „Er war unglaublich mutig“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

OB Roland Methling bringt Gedenktafel für Otto Weidt an. Der gebürtige Rostocker rettete zahlreiche Juden vor dem Terror der Nazis

Es ist eine schlichte Tafel – und sie erinnert an einen fast vergessenen Helden. Am Haus in der Wollenweberstraße 8 steht seit gestern eine Inschrift für Otto Weidt, der dort geboren wurde und während der Herrschaft der Nationalsozialisten für viele seiner jüdischen Arbeiter und Freunde zum Lebensretter wurde. Oberbürgermeister Roland Methling (parteilos) weihte die Tafel ein. „Manchmal wissen wir von unseren Schätzen viel zu wenig, vor allem von den Menschen, die Großes vollbracht haben“, sagte Methling. Weidt sei ein unglaublich mutiger Mann gewesen – und doch erst durch einen Film in diesem Jahr in den Blick der breiten Öffentlichkeit gekommen.

Der Pazifist Weidt, am 2. Mai 1883 in Rostock geboren, eröffnete Anfang der 1940er-Jahre in Berlin-Mitte eine Blindenwerkstatt. Weil diese Besen und Bürsten für die Wehrmacht herstellte und somit als kriegswichtig galt, Weidt zudem Beamte bestach und Pässe fälschte, gelang es ihm, seine jüdischen Arbeiter vor der Deportation zu bewahren. „Er kämpfte furchtlos mit den Gestapo-Beamten um das Schicksal jedes einzelnen jüdischen Arbeiters“, heißt es von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem, die den gebürtigen Rostocker 1971 als „Gerechten unter den Völkern“ auszeichnete.

Die Gedenktafel in der Östlichen Altstadt ist laut Holger Kießling von der Gedenkstätte Max-Samuel-Haus nun ein wichtiger Beitrag der Erinnerungskultur in Rostock und eine Ergänzung der zahlreichen Stolpersteine für Opfer des NS-Regimes. Es gebe immer weniger lebende Zeitzeugen, die berichten könnten, wie es zur NS-Zeit wirklich war. „Wir müssen uns vor Augen halten, dass Otto Weidt sein eigenes Leben riskierte, um anderen zu helfen“, sagt Oberbürgermeister Methling. Gestern erinnerte er auch an eine Tat Weidts kurz vor Kriegsende: Da fuhr der selbst fast erblindete Mann nach Auschwitz, um Kontakt zu seiner Freundin Alice Lucht aufzunehmen. Er mietete ein Zimmer für sie, in dem sie Unterschlupf fand, nachdem ihr beim Todesmarsch aus dem Außenlager des KZ Groß Rosen die Flucht gelungen war. Alice Lucht tauchte bei den Weidts in Berlin unter, überlebte den Krieg und wanderte später in die USA aus.

Auch Weidt schmiedete nach Kriegsende neue Pläne. Er setzte sich für die Gründung eines jüdischen Waisenhauses und eines Altenheims für KZ-Überlebende ein. Aber er starb schon 1947 im Alter von 64 Jahren. In seiner ehemaligen Werkstatt in der Rosenthaler Straße 39 in Berlin-Mitte besteht heute ein Museum, das von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand betreut wird. Seit gestern hat nun auch die Hansestadt Rostock einen Gedenkort für Otto Weidt.

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erstellt am 27.Jun.2014 | 10:00 Uhr

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