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Flüchtlinge in MV : Er hilft trotz aller Schicksalsschläge

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Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Hussein Al-Kinani sitzt nach einem Attentat im Rollstuhl, trotzdem ist er als Dolmetscher aktiv und erleichtert so die ersten Tage der Flüchtlinge.

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erstellt am 31.Okt.2015 | 08:00 Uhr

Die Frage nach seinem eigenen Namen war es, die er als letztes hörte – dann wurde alles blutrot, dann nur noch schwarz. Ein kurzes „Hussein?“. Der junge Mann drehte sich um und in diesem Moment veränderte sich sein Leben. Eine Kugel traf ihn in die Seite, drang durch die Schulter und beschädigte die Nerven im Rückenmark. Seit diesem Moment vor etwa zwölf Jahren kann Hussein Al-Kinani nicht mehr gehen, ist auf den Rollstuhl angewiesen. Doch resignieren war nie eine Alternative. Über die Station Syrien kam der Iraker vor sechs Jahren nach Deutschland und begleitet nun zusammen mit seiner Frau Ameera und seinem Sohn Ali ankommende Flüchtlinge als Dolmetscher und Helfer nach ihrer Ankunft.

Warum ihm selbst dieser schwere Schicksalsschlag widerfahren ist, das weiß Hussein auch heute noch nicht. „Das war damals schon eine Zeit, in der es sehr unruhig im Irak war. Polizei gab es nicht und viele Verbrecher waren unterwegs“, erzählt der ehemalige Händler für Schuhe und Handtaschen. Dass sein Geschäft zur gleichen Zeit ausgeplündert wurde, lässt jedoch auf ein geplantes Attentat schließen. „Ich habe anschließend zwei Wochen im Koma gelegen, zwei Monate im Krankenhaus verbracht“, erzählt er. Doch sollte das noch nicht der Schlusspunkt gewesen sein. Eines Tages kam ein Brief mit einer Kugel als Inhalt. „Das bedeutet geh oder wir töten dich“, erklärt er. „Das war für uns das Zeichen zu fliehen.“ „Mein Bruder hat einen identischen Brief bekommen. Er wollte jedoch nicht gehen, wollte sein Haus verteidigen und ist dann erschossen worden“, ergänzt Ameera Al-Kinani. „Diese Leute wollten nur alles zerstören und dachten, so ihre Ziele zu erreichen.“

Doch dass Familie Al-Kinani den Irak verlassen würde, stand da längst fest. Das Haus, das Auto und auch ihr Vermögen blieb zerstört zurück und die Familie flüchtete nach Syrien. Sechs Jahre blieb sie, bevor es auch dort zu gefährlich wurde und sie bei den UN eine Ausreise nach Deutschland beantragten. „Wir hatten immer viele Probleme, woher wir die Medikamente für meinen Mann bekommen, aber hier gibt es viele gute Ärzte“, so Ameera. Sechs Jahre leben sie nun in Rostock, auch wenn die Anfangszeit nicht leicht war. „Wir hatten wenig Kontakt mit Deutschen, haben sie nicht verstanden und wussten nicht, ob etwas nett oder böse gemeint war“, schildert Ameera.

Jahrelang durch Krieg und Blut geprägt

Anfeindungen sei die Familie nie ausgesetzt gewesen. „Doch manchmal sagen in der Schule Jungen ,Was macht der denn hier?‘ oder Betrunkene reagieren aggressiv“, beschreibt Sohn Ali, der perfekt Deutsch spricht. „Vor allem die Kinder verstehen ja nicht, warum es diesen Hass gibt“, so Mutter Ameera. Dass es gerade in Zeiten der Flüchtlingsströme weniger solcher Ängste auf beiden Seiten geben soll, dafür sorgt die Familie seit etwa sieben Wochen selbst. „Eigentlich wollte ich nur Spiele für Kinder und etwas Nahrung zur Notunterkunft bringen. Dann hat mich eine arabische Frau angesprochen. Sie wollte zu einem Arzt, es gab aber keine weibliche Dolmetscherin, der sie sich hätte anvertrauen können“, schildert Ameera. Das DRK fragte dann bei der Familie an, ob sie nicht dauerhaft helfen möchte.

Und auch wenn Hussein lediglich wenige Wochen einen Deutschkurs absolvierte, reichten das Fernsehen und mehrere Krankenhausaufenthalte als Lehrer aus, um den Ankommenden nun die Ängste zu nehmen. „ISIS und Krieg sind die Probleme, die alle haben. In fast jeder Familie gibt es mehrere Tote, egal ob Irak oder Syrien“, schildert er. Dabei seien die Menschen nach Jahren des Krieges deshalb vor allem durch ihre Ängste geprägt. „Viele kommen hier an und wissen nicht, was sie erwartet. ,Müssen wir hier Fingerabdrücke und unser Geld abgeben?‘, Sie können nicht glauben, dass hier in Deutschland und in Europa Ruhe ist“, ergänzt Ameera.

Als erste erkläre sie meistens, dass sie hier keine Furcht haben müssten. „Die Leute brauchen einfach eine Chance und Sicherheit. Fast alle sind jung und wollen arbeiten. Sie wollen kein Geld vom Jobcenter“, so Hussein.

Doch selbst wenn dies alles möglich wäre, fehlt den meisten doch ihre Heimat. Selbst Familie Al-Kinani, die sich in Rostock eingelebt hat und das Meer liebt, möchte irgendwann zurückkehren. „Ich habe zu meinem Mann gesagt, hier ist es besser als in Hamburg und Berlin. Aber mir fehlt meine Familie und mein Land. Wir bekommen oft die Nachricht vom Tod eines Freundes oder eines Familienangehörigen, das ist auch nach so vielen Jahren noch schrecklich, vor allem, wenn man sich so lange nicht gesehen hat“, schildert sie.

Deshalb versteht die Familie auch nicht, warum viele Deutsche glauben, die Flüchtlinge kämen nur wegen des Geldes nach Deutschland. „Niemand verlässt seine Heimat und geht in ein Land, dessen Sprache er nicht spricht und dessen Kultur so anders ist, nur für etwas Geld. Viele haben ein großes Haus, einen großen Garten, aber keine Sicherheit. Wir sind auch wegen meinem Sohn hergekommen, aber wenn es keinen Krieg mehr gibt, wollen wir zurück und so geht es fast allen“, meint Ameera.

Bis es jedoch soweit ist, hat vor allem der zehnjährige Ali noch eine Bitte: „Ich wünsche mir Gleichberechtigung und Offenheit.“

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